Rickert, Heinrich; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1930/31, 1. Abhandlung): Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie — Heidelberg, 1930

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II. Der Aussagesatz und die logische Synthese des Einen u. des Andern. 47

Ja, wir dürfen noch mehr sagen. Die alte scholastische Defi-
nition der Wahrheit als „adajSquatio rei et intellectus“ gilt nicht
nur für Hegel, sondern auch für viele andere Denker noch heute
als zutreffend, ja bisweilen geradezu als „selbstverständlich“.
„Adäquate Erkenntnis“ heißt nicht Wenigen so viel wie wahre
Erkenntnis überhaupt. Was aber bedeutet das Wort „Adäquat-
heit“ dann, wenn man diesen Begriff auf das Verhältnis anwendet,
das eine durch Sätze zum Ausdruck gebrachte Erkenntnis zu
ihrem „Gegenstand“ hat, von dem die Sätze etwas Wahres aus-
sagen ? Handelt es sich bei dem Verhältnis von Satz und Gegen-
stand oder „res“ etwa um Gleichheit oder um Ähnlichkeit, die
immer zugleich Ungleichheit einschließt, oder was versteht man
sonst unter Adäquatheit, wenn man verlangt, daß Sätze ihrem
Gehalt nach dem Gegenstand der Erkenntnis, also schließlich der
„Welt“ adäquat sein sollen ?
Das sind allerdings spätere Sorgen, ja Fragen, die zum Teil
weit über den Rahmen dieser Abhandlung hinausführen. Wir
mußten auf sie aber als auf unvermeidliche Fragen hinweisen, um
damit unsere logische Problemstellung und ihren Ausgangspunkt,
den Satz, zu rechtfertigen und zugleich deren Tragweite aufzuzeigen.
Auch der radikalste Verächter aller Logik und Erkenntnistheorie
redet, sobald er Wissenschaft treibt, in Sätzen. Kann er, falls er
wissenschaftlich ernst genommen sein will, an einer Logik des
Satzes vorübergehen, die ihn darüber aufklärt, was ein Satz für
die Erkenntnis des Wahren bedeutet ?

II.
Der Aussagesatz und die logische Synthese
des Einen und des Andern.
Das sinnlich-reale Material, an das wir anknüpfen müssen,
um über die logische Struktur aller Sinngebilde, die Erkenntnis
geben, zur Klarheit zu kommen, haben wir somit festgestellt. Aber
das Hegel anstrebt, wenn er durch eine Wissenschaft, welche die Gestalt von
Sätzen hat, die Welt ,,zu sich selber“ bringen will. Insofern hängen Glöck-
ners Ausführungen über den Satzbau Hegels mit den letzten Problemen des
HEGELSchen Denkens zusammen. Insbesondere die Unterscheidung von
„Substantiv“ und „Verb“ ist wichtig, denn nur das Verb prädiziert. Ist
aber hiermit nicht zugleich eine verhängnisvolle Schwäche der HEGELSchen
Philosophie bloßgelegt ?
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