Rickert, Heinrich; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1930/31, 1. Abhandlung): Die Logik des Prädikats und das Problem der Ontologie — Heidelberg, 1930

Page: 155
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VII. Ontologie und Logik.

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oder Mannigfaltigkeit, deren Umfang hier nicht genauer zu er-
örtern ist. Das würde zu den sachlichen Problemen der Ontologie
führen: wras ist die Welt? Wir stellen nur fest, daß jede wissen-
schaftliche Untersuchung, die eindeutig zu sein beansprucht, in
der Lage sein muß, genau anzugeben, was man zu verstehen hat,
wenn das Wort „sein“ in ihr gebraucht wird. Ist nur die Copula
als bloßes „Dazwischen“, oder ist das allgemeinste Prädikat als
Denkform, oder ist bereits ein besonderes Prädikat als Erkenntnis-
form mit dem Worte „Sein“ gemeint, und welches? Darüber
dürfen wir bei einem wissenschaftlichen Satz niemals im Zweifel
gelassen werden. Das gilt für jede Wissenschaft und für die Onto-
logie besonders.
Nur das eine steht von vorneherein fest: das Wort „sein“
bedeutet, falls es mehr als ein bloßes „Zwischen“ Subjekt und
Prädikat ist, immer ein logisches Prädikat, und wenn wir von
einem „Seienden“ reden, ist damit stets ein als seiend prädiziertes
oder erkanntes Etwas gemeint. Subjekt (utcoxsI^svov) einer Aus-
sage in der Art, wie ein inhaltlich bestimmtes Etwras es ist, kann
„das Sein“ nicht werden. Selbstverständlich hat man das Recht,
dem Ausdruck „Sein“ noch eine andere als eine der hier genannten
Bedeutungen beizulegen. Das sollte man dann aber nicht nur
implicite, sondern auch explicite tun. Sonst ist der Sinn der Sätze,
die man bildet, zweideutig, und das führt dann notwendig zu Irr-
tümern oder zum mindesten zu Unklarheiten und Mißverständ-
nissen. Gerade bei der Verwendung des Ausdrucks „Sein“ ist
größte Vorsicht am Platz, sobald man den Anspruch erhebt, ihn
als Terminus in einem wissenschaftlichen Zusammenhang zu be-
nutzen. Die logische Frage: was ist „das Sein“?, ist noch keine
eindeutige Frage und daher, wenn sie so gestellt ward, auch nicht
eindeutig zu beantworten. Dasselbe gilt aus denselben Gründen
von der ontologischen Frage: was ist „das Sein der Welt“?

VII.
Ontologie und Logik.
Jetzt sind wir endlich soweit, daß war die Konsequenzen
unserer Lehre vom „Sein“ als Prädikat für das Problem der Onto-
logie ausdrücklich zum Bewuißtsein bringen können. Dabei dürfen
wir uns verhältnismäßig kurz fassen. Wir hatten von vorneherein
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