Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1938/39, 2. Abhandlung): Paulus auf dem Areopag — Heidelberg, 1939

Page: 4
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1938_1939_2/0004
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
4

Martin Dibelius:

wohin sie steuert. Den Inhalt der Rede bilden Motivgruppen, je-
weils in ein oder zwei Sätze zusammengedrängt; aber Wortwahl
und Ausdruck sind so bezeichnend, daß man — mit alleiniger Aus-
nahme von V. 26 — nicht zweifeln kann, welche Gedanken zu
assoziieren und zur Erklärung heranzuziehen sind.
I.
Die Einleitung (V. 22. 23) bringt die Anerkennung der
Athener als religiöser Leute, κατά πάντα ώς δεισιδαιμονέστεροι. Als
Beweis für ihren religiösen Eifer wird der Altar mit der bekannten
Inschrift άγνώστω -θ-εω angeführt. Den unbekannten Gott ihnen
bekannt zu machen, ist der eigentliche Vorsatz der Rede. Ihm dient
die Ausführung mit den drei Hauptmotivgruppen:
I. Gott, Schöpfer und Herr der Welt, braucht keine Tempel,
denn er ist bedürfnislos (V. 24. 25);
II. Gott hat die Menschen mit der Bestimmung erschaffen,
daß sie ihn suchen sollten (V. 26. 27);
III. die Gottverwandtschaft des Menschen — sie „sind seines
Geschlechts“ — sollte jede Bilderverehrung ausschließen
(V. 28. 29).
Und nun folgt der Schluß: Gott läßt den Menschen jetzt
Buße predigen, weil der Gerichtstag bevorsteht. Da wird Gott die
Welt richten durch einen Mann, den er von den Toten hat auf-
erstehen lassen (V. 30. 31).
Es ist eine monotheistische Predigt, das sieht man, und erst
ihr Schluß macht sie zu einer christlichen. Denn erst da ist die
Rede von Gottes Gnade — der Sache nach, wiewohl das Wort
nicht vorkommt; es heißt nur τούς χρόνους τής άγνοίας ύπεριδών.
Erst da wird vom Gericht gesprochen, erst da von Jesus und seiner
Auferstehung. Und der Name „Jesus“ wird — nach dem best-
bezeugten Text -— nicht einmal genannt! Und in jedem Fall
kommt der im besonderen Sinne christliche Gehalt der- Rede nur
in den beiden Schlußversen zur Darstellung. Das ist gewiß befremd-
lich und bedarf der Erklärung.
Die Interpretation der Areopagrede hat von der zweiten Motiv-
gruppe, V. 26. 27, auszugehen. Es sind die einzigen Worte der
Rede, deren Bedeutung und Beziehung sich nicht ohne weiteres
dem Verständnis erschließt. Es sind aber auch diese Worte, von
deren Interpretation die Erklärung der ganzen Rede in gewisser
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften