Dibelius, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1938/39, 2. Abhandlung): Paulus auf dem Areopag — Heidelberg, 1939

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Martin Dibelius:

wir bedürfen, bedarf aber selbst der Dinge nicht, die er uns gibt1.
Nichts anderes als ein Gegensatzpaar dieser Art bildet nun aber
auch die Fortsetzung des Gedankens in der Areopagrede: αύτός
διδούς πάσι ζωήν καί πνοήν καί τά πάντα.
Die Kommentatoren haben das abschließende καί τά πάντα
meist etwas stiefmütterlich behandelt; ein Teil der Abschreiber
aber hat mit den Worten offenbar auch nichts anzufangen gewußt
und hat entweder zu κατά πάντα geändert (Koine) oder durch Ver-
bindung der Worte mit dem Folgenden — καί τά πάντα έποίησεν
έξ ένός — Abhilfe zu schaffen versucht. Man kann den Sinn der
zunächst sehr allgemein wirkenden Worte auch nur verstehen, wenn
man sie als Responsion faßt: Gott bedarf nichts und gibt uns alles.
Vorher stehen die zum Wortspiel einander gesellten Ausdrücke ζωή
καί πνοή. Die Parechese ist sonst nicht belegt; aber das Hinzu-
treten von πνοή könnte schon durch den Gleichklang veranlaßt
sein. Zudem aber ist hier an den alttestamentlichen Schöpfungs-
bericht zu erinnern: auch er braucht Gen. 2, 7 für den von Gott
dem Menschen eingeblasenen Odem das Wort πνοή. Aber diese
alttestamentliche Erinnerung ändert nichts am Stil des Ganzen2:
auch die erste Motivgruppe V. 24, 25 will wie die zweite V. 25, 26
.eine hellenistische Gotteslehre vortragen. Die beiden Gruppen ge-
hören zusammen: das Ende des ersten Gedankens — Gott braucht
nichts und gibt uns alles ·—· leitet über zu dem zweiten: Gott hat
die Menschen geschaffen, daß sie die Erde bewohnen, und hat ihnen
die Möglichkeit des Wohnens, Jahreszeiten und Siedlungszonen,,
gegeben, damit sie ihn suchen.

III.
Die zweite Motivgruppe schließt mit den Worten καί γε ού·
μακράν άπδ ένος έκάστου ημών υπάρχοντα. Was hier als Begründung
angeführt wird3, ist eigentlich bereits das Thema der dritten Motiv-
1 Ep. ad Diognetum 3, 4 ό γάρ ποιήσας τον ουρανόν καί τήν γην καί
πάντα τά έν αύτοΐς καί πάσιν ήμΐν χορηγοόν, ών προσδεόμεθα, ούδενός άν αύτός
προσδέοιτο τούτων ών τοΐς οίομένοις διδόναι παρέχει αύτός.
2 Man könnte auch an den orphischen Zeushymnus denken Fragmt. 21a
Kern V. 5: Ζεύς πνοιή πάντων" Ζευς άκαμάτου πυρός ορμή. Bei der üblichen
Ableitung des Namens Ζεύς von ζην (Plato Cratylus 396a; Aelius Aristides
In Jovem 23) konnte sich aus Ζεύς πνοή gut die Paronomasie ζωή καί πνοή
entwickeln; nur fehlt der Beleg dafür.
3 Denn eine Begründung bietet die am besten bezeugte Lesart καί γε,
für die auch D mit der Verschreibung καίτε (Γ ward zu T) eintritt. Gegen-
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