Hengel, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1984, 3. Abhandlung): Die Evangelienüberschriften: vorgetragen am 18. Oktober 1981 — Heidelberg: Winter, 1984

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Martin Hengel

Zeugnisse der christlichen Religion für die Welt herausgegeben wor-
den sind, welche ohne die Wahrheit des Evangeliums gar nicht hät-
ten veröffentlicht werden können, d.h. vor der Wahrheit des Evan-
geliums?“ Wo sollten aber jene tot ac tanta ... opera atque documenta
Christianae religionis saeculo edita gesammelt werden, wenn nicht in
den Bibliotheken der Gemeinden?
Das bedeutet, daß christliche Gemeinden, die in den größeren
Städten meist durch Abspaltung von den Synagogengemeinden ent-
standen waren, in der Regel von Anfang an über einen „Bücher-
schrank“ mit den wichtigsten alttestamentlichen Schriften verfugten,
die dann durch die eigene christliche Produktion allmählich ergänzt
wurden94. Daß auch kleine Gemeinden einen derartigen christlichen
„Thoraschrein“ besaßen, zeigt das Beispiel der Märtyrer in dem sonst
unbekannten nordafrikanischen Scili um 180, die dem Statthalter auf
die Frage: „Welche Gegenstände sind in eurem Schrank?“ antworte-
ten: „Bücher und Briefe des Paulus, eines gerechten Mannes“. Die
capsa bedeutet hier einen Buchbehälter und entspricht damit dem
jüdischen Thoraschrein, bei den libri handelt es sich um Profeten-
schriften und Evangelien95 96.
5.4 Frühchristliche Schreibergewohnheiten
Im engsten Zusammenhang mit diesen Gemeindebibliotheken
für die Schriftlesung und Lehre in der gottesdienstlichen Versammlung
ist die Arbeit der christlichen Schreiber* zu sehen, die aufgrund der
Papyri des 2. und 3. Jh.s mit einem sehr deutlichen Profil hervor-
94 H. Leclercq, op. cit. 854: «On peut supposer que les anciennes eglises chretiennes
reserverent d’abord une armoire, ensuite une chambre, pour la Conservation des
livres liturgiques et des documents relatifs ä l’administration des communautes chre-
tiennes. Malheureusement nons (sic) ne savons rien de precis et qui sorte du do-
maine trop libre de la conjecture». Zum Bücherschrank s. E. G. Budde, Armarium
und Κιβωτός. Diss. phil. Münster, 1939, und die verschiedenen Untersuchungen
von C. Wendel zum antiken Bücherschrank, armarium legum und Thoraschrein
in: Kleine Schriften zum antiken Bibliothekswesen, Köln 1974, 64ff.93ff. 1081Γ.
95 Ed. Musurillo, op. cit. (Anm. 88) 88 = c. 12: Satuminus proconsul dixit: Quae
sunt res in capsa vestra? Speratus dixit: Libri et epistulae Pauli viri iusti.
96 Zum folgenden s. die grundlegende Untersuchung von C. H. Roberts, Manuscript,
Society and Belief in Early Christian Egypt, SchL 1977, 1979; vgl. auch C. H. Ro-
berts/T. C. Skeat, The Birth of the Codex, 1983, 38ff.45ff. Die christlichen Schrei-
ber haben - auch noch in späterer Zeit (wenn man von den Jahrzehnten nach
dem Religionsedikt des Galerius 311 und der konstantinischen Wende absieht,
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