Hengel, Martin; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1984, 3. Abhandlung): Die Evangelienüberschriften: vorgetragen am 18. Oktober 1981 — Heidelberg: Winter, 1984

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Die Evangelienüberschriften

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und anonyme Werke hatte man mit Recht ein gewisses Mißtrauen73,
pseudepigraphische Schriften besaßen darum größere Chancen, in den
Gemeinden Gehör zu finden, eine Haltung, die sich sowohl die „gno-
stische“ wie auch die „antignostische“ und „volkstümliche“ christliche
Literaturproduktion zunutze machte.
5.2 Die Schriftlesung im Gottesdienst
Bei der Bedeutung der Legitimität der Überlieferung74 wie auch
der Autorität des Lehrers und Tradenten im Urchristentum lag es
nahe, daß mit der Verbreitung einer Schrift durch Abschriften in ande-
ren Gemeinden ihr aus praktischen Gründen entweder ein passender
kurzer Sachtitel oder aber der Name eines Autors, oder beides, beige-
legt wurde. Dies gilt vor allem dann, wenn Schriften nicht primär zur
privaten Erbauung im kleinen Konventikel, wie die meisten gnosti-
schen Traktate, sondern zum Zweck der öffentlichen Verlesung im
Gottesdienst geschrieben und in den anderen Gemeinden verbreitet
wurden.
Die Schriftlesung, die in der Synagoge zusammen mit der Predigt seit
langem fester Brauch war75, begegnet uns in der ersten ausführlichen
73 S. das Urteil des Tertullian über Marcion o. S. 16 Anm. 30. Selbst in der eso-
terischen, der Öffentlichkeit entzogenen, gnostischen Bibliothek von Nag Hammadi
ist die Mehrzahl der Traktate in den Codices - z.T. sekundär - mit Titeln ver-
sehen, die freilich oft bewußt geheimnisvoll klingen. Es liegt in der Natur des
Milieus, daß hier die pseudepigraphischen Zuschreibungen an christliche Autori-
täten (Petrus, Jakobus, Johannes, Philippus, Thomas, Paulus, Maria und Gestalten
der Urzeit: Adam, Seth, Zostrianos) oder aber „Sachtitel“ überwiegen. Gewöhnliche
Autorennamen waren in dieser erlauchten Gesellschaft fehl am Platze und darum
selten. Bei den in den Titeln genannten Gattungen finden sich häufig „Apo-
kalypsen“ und „Evangelien“, daneben „Apokrypha“, „Apostelakten“, „Briefe“ und
„Dialoge“. Die Frage der Titel in den Nag Hammadi-Texten bedürfte einer einge-
henden Untersuchung. Wesentlich scheint mir zu sein, daß es sich hier um eine rela-
tiv wahllos zusammengesetzte private Sammlung von Schriften handelte, die nicht
der öffentlichen Verlesung im Gottesdienst dienten (vgl. u. S. 34 Anm. 76.77).
74 Darum wird schon in Paulusbriefen gekämpft vgl. 1 Kor 15,3ff.; ll,23ff; Gal 1,1 Iff.
2,7ff.; Rö 6,17 etc., d.h. diese Frage begleitete die Kirche von den ersten An-
fängen an und wurde nicht erst in der Zeit des „Frühkatholizismus“ akut.
75 S. schon Neh 8,4ff.; Lk 4,17-20; Apg 13,15; 15,21; Billerbeck 4,154-165 dazu die
Theodotosinschrift aus Jerusalem. CIJ 1404 Z. 3ff.: ... ώκο/δόμησε την συναγωγ[ή]ν
εις άνά[γ]νω/σ[ι]ν νόμου καί είς [δ]ιδαχ[ή]ν έντολών ... Hier wird m.E. die Schrift-
lesung und die daran anschließende Auslegung der Thora im synagogalen Gottes-
dienst angesprochen. Aus diesem Milieu der griechischsprechenden Synagogen in
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