Biser, Eugen; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 1. Abhandlung): Die Bibel als Medium: zur medienkritischen Schlüsselposition der Theologie; vorgetragen am 27. Januar 1990 — Heidelberg: Winter, 1990

Seite: 22
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Eugen Biser

Klarheit zu Klarheit seinem Bild anverwandelt, wie es dem Geist des Herrn entspricht
(2Kor 3,13-18).51
Der vom Offenbarungsereignis ausgehende Widerschein, durch den
dieses trotz seiner Verhüllung lesbar wird, ist, wie Paulus seinen Adres-
saten schon zu Eingang des ersten an sie gerichteten Briefs deutlich
machte, die Kreuzesweisheit, die sie göttlichen Sinn in dem erkennen
läßt, was die Juden als „Skandal“ empfinden und den Hellenen als „Tor-
heit“ erscheint (IKor 1,23ff.).52 Denn die Gottesoffenbarung ergeht an
die Welt zunächst im Zeichen der Torheit und Schwachheit, also in
Form des „toten Buchstabens“, da der Gekreuzigte für uns, wie Paulus
mit äußerster Härte sagt, „zur Sünde“ (2Kor 5,21), ja sogar „zum
Fluch“ geworden ist (Gal. 3,13). Im Horizont und Licht der Weisheit
aber wird unter dieser extremen Verhüllung das lichtvolle Gegenteil des
ersten Anscheins sichtbar: die Fülle des Sinns in dem,
der für uns von Gott zur Weisheit und Gerechtigkeit, zur Heiligung und Erlösung
wurde (IKor 1,30).53
Mit diesen „Ergebnissen“ seiner Lektüre nennt Paulus zugleich die Eck-
daten seiner Konzeption und die Schlüsselbegriffe, aus denen er seine
Verkündigung entwickelt. Mit dem Stichwort „Weisheit“ führt er das
Medium seines neuen Verständnisses auf dessen christologischen Quell-
grund zurück. Mit „Gerechtigkeit“ nennt er das Thema seines Evange-
liums: die „Gottesgerechtigkeit aus Glauben zum Glauben“ (Röm.
1,17). Mit „Heiligung“ bezeichnet er den Inbegriff seiner Heilslehre
(IKor 6,11. 19f.). Und mit „Erlösung“ kommt er schließlich auf den
Gegenbegriff zu der Vielfalt von Zwängen zu sprechen, aus denen er die
Menschheit durch die Heilstat Christi befreit sieht (IKor 7,23).
Der Nachhall
Paradigmatisch ist Paulus aber auch dadurch, daß bei ihm die Konzep-
tion nirgendwo zur starren Doktrin geronnen, sondern stets vom Atem
der lebendigen Verkündigung durchglüht ist. So sehr das Kreuz Christi
51 Dazu Otto Kuss, Paulus. Die Rolle des Apostels in der theologischen Entwicklung der
Urkirche, Regensburg 1976, 142; 148f.; 392.
52 Dazu Kuss, A. a. O., 122f.
53 Dazu die Hinweise meines Paulusbuchs ,Der Zeuge. Eine Paulus-Befragung', Graz
1981, 36f; 82f.
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