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Meier, Mischa [Hrsg.]; Radtki, Christine [Hrsg.]; Schulz, Fabian [Hrsg.]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]
Malalas-Studien: Schriften zur Chronik des Johannes Malalas (Band 1): Die Weltchronik des Johannes Malalas: Autor - Werk - Überlieferung — Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2016

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https://doi.org/10.11588/diglit.51241#0050
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Miaphysitische Tendenzen bei Malalas?

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doch lässt sich hieraus kaum eine besondere Hochschätzung ableiten.20 Die Patriar-
chenabsetzungen werden denn auch passivisch erzählt.21
Die Darstellung des Staurotheis-Aufstandes braucht hier nicht erneut in allen
Details verfolgt zu werden.22 In der Darstellung der Malalas-Epitome erscheint sie
als δημοτική επαναστασις, also als Volksaufstand, motiviert durch die Angst, der
Kaiser wolle den Trisagios-Zusatz, wie er in den östlichen Städten üblich sei, durch-
setzen.23 Dies sei vom Volk als tl παράξενον, also etwas Fremdartiges angesehen
worden.24 Die Position des Volkes wird recht unspezifisch als christlich angegeben,25
ein Bezug auf Chalkedon wird nicht hergestellt. Der Bericht verfolgt dann die Eska-
lation des Aufstandes bis hin zum Versuch, einen anderen Kaiser auszurufen (Arei-
obindos), und der Art und Weise, wie Anastasius erst durch ostentative Demut den
Aufstand zum Kollabieren bringt, um dann anschließend energisch durchzugreifen
und viele Gegner hinzurichten.26 Die kirchenpolitisch-theologische Seite des Auf-
standes spielt in dieser Darstellung eine eher untergeordnete Rolle.27 Lediglich zwei
Notizen sind hier zu nennen: Einerseits die Notiz, dass der Syrer Marinus eben aus
dem Osten stamme und daher dem Kaiser den Zusatz eingeredet habe,28 andererseits
das Lynchen eines östlichen Mönches, dessen Kopf mit dem Ruf „Dies ist der Feind
der Trinität“ herumgetragen wird.29 Für Areiobindos hingegen wird eine (z.B. pro-
chalkedonische oder besonders orthodoxe) Haltung gar nicht benannt. Auch werden
die Motive, die Anastasius zur Einfügung des Zusatzes geführt haben, nicht ins Licht
gesetzt. Es wird nicht einmal deutlich, ob der Verdacht, Anastasius wolle den Zusatz
erreichen, berechtigt ist.30 Der Kaiser erscheint also zwar als der, der den ausgebroche-
20 Alpi (2006), S. 239-242 erkennt in der Nennung des Leontius-Heiligtums und der Darstellung des
Antritts des Severus als betont unproblematisch eine „montage“, die severusfreundlich ist, doch sind die
Notizen so zurückhaltend und neutral formuliert, dass sie sich in die eine wie in die andere Richtung
ausdeuten lassen. Aus der Erwähnung des Leontiusheiligtums lässt sich theologisch oder kirchenpoli-
tisch nichts schlussfolgern.
21 Nur für die Verbannung des Euphemios wird (ohne explizite Subjektnennung) auf den Kaiser verwie-
sen (Malalas, Chronographia XVI11 (327, 63 Thurm έξώρισεν)), sonst werden passivische oder unper-
sönliche Wendungen gebraucht: καθαιρέθη ... έγένετο ...καθαιρέθη ... έξωρίσθη ... έγένετο
(Malalas, Chronographia XVI ιι (327, 62-68 Thurn)).
22 Zum Staurotheis-Aufstand vgl. die Konstruktion von Meier (2007), S. 157-237 (zu Malalas bzw. der
griechisch/syrischen Malalas-Tradition ebd. 164-177).
23 Malalas, Chronographia XVI19 (333,12-16 Thurn).
24 Malalas, Chronographia XVI19 (333,17 Thurn).
25 Malalas, Chronographia XVI19 (333,17 Thurn): τη πίστει των χριστιανών; Malalas, Chronographia
XVI19 (333,12 f. Thurn): περί τού χριστιανικού δόγματος.
26 Dies präludiert den Nika-Aufstand Justinians ebenso wie es der Bewahrung der eigenen Macht in den
vorangegangenen Unruhen von 510/511 (vgl. hierzu Meier (2009), S. 262f.) entspricht.
27 Dies sieht auch Blaudeau (2006), S. 254, wenn er betont, dass „l’integrite des convictions, au contraire
de lünite religieuse, ne constituait pas ä ses yeux le bien supreme et intangible“ (ebd.). Allerdings
scheint er anzunehmen, dass sich aus Sicht des Malalas eigentlich nichts gegen den Staurotheis-Zusatz
einwenden lasse, was sich jedoch aus den knappen Notizen des Malalas kaum ableiten lässt.
28 Malalas, Chronographia XVI19 (333, 23 f. Thurn).
29 Malalas, Chronographia XVI19 (334, 26-28 Thurn).
30 Malalas, Chronographia XVI19 (333,13 Thurn) benutzt lediglich ώς + Partizip.
 
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