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Koch, Hugo; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1919, 22. Abhandlung): Kallist und Tertullian: ein Beitrag zur Geschichte der altchristlichen Bußstreitigkeiten und des römischen Primats — Heidelberg, 1920

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https://doi.org/10.11588/diglit.37699#0062
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Hugo Koch:

Klerus bleiben konnten1. In der Tat kennt auch Tertullian früher
diese Nachsicht der Kirche nicht. Ad uxor. I, 7 (Oehler I, 680)
schreibt er: Quantum detrahant fidei, quantum obstrepant sanc-
titati nuptiae secundae, disciplina ecclesiae et praescriptio apostoli
declarat, cum digamos non sinit praesidere. Und noch in der
bereits stark montanistisch gefärbten, aber noch in kirchlicher
Gemeinschaft verfaßten Schrift De exhortat. cast. braucht er
keine Widerlegung zu befürchten, wenn er seinem Freund, um ihn
von einer zweiten Ehe abzuhalten, zuruft: ,,Stabis ergo ad Dominum
cum tot uxoribus, quot in oratione commemoras, et offeres pro
duabus, et commendabis illas duas per sacerdotem de monogamia
ordinatum aut etiam de virginitate saneitum ?“ (c. 11. Oehler I,
753). Ja in c. 7 (I, 747sq.) sagt er geradezu: ,,Inde igitur apud nos
plenius et instructius (sc. als im A.T.) praescribitur unius matri-
monii esse oportere qui alleguntur in ordinem sacerdotalem. Usque
adeo quosdam memini digamos loco dejectos.Si habes jus
sacerdotis in temet ipso, ubi necesse est, habeas oportet etiam
disciplinam sacerdotis, ubi necesse sit habere jus sacerdotis. Diga-
mus tinguis ? Digamus offers ? Quanto magis laico digamo capitale
est agere pro sacerdote, cum ipsi sacerdoti digamo facto auferatur
agere sacerdotem ?“ Hier weiß er also nur, daß ein Priester wegen
zweiter Ehe abgesetzt wird. Die „quidam“, die abgesetzt wurden,
stehen nicht etwa im Gegensatz zu solchen, die trotz zweiter Ehe
im Amte belassen worden wären, sondern der Sinn ist: nur einige
haben es gewagt, der Anordnung des Apostels (I Tim. 3, 2. 12;
Tit. 1, 6) und der priesterlichen Ordnung zuwider zu handeln und
diese sind abgesetzt worden.
Die Erschlaffung der kirchlichen Zucht hinsichtlich der
zweiten Ehe bei Geistlichen oder wenigstens die Kenntnisnahme
Tertullians davon fällt also zwischen De exhort. cast. und De
monogamia. Wenn aber deshalb schon De monog. zur Zeit Kallists
geschrieben sein muß, so ist dies bei De jejun. und De pud. noch

1 Hier kommt also bei Tertullian doch etwas vom Hippolytischen Stoffe
zum \ü)rschein (zu H. v. Soden, Theol. Litztg., 1916, 174), nur wird es von
Tertullian gegen die Katholiken im allgemeinen, nicht speziell gegen Kallist
ausgespielt, und De pud. kommt Tertullian nicht mehr darauf zu sprechen
(vgl. oben S.30 A.2). Ähnlich spricht Tertullian Adv. Prax. c. 3 allgemein von
„simplices, ne dixerim imprudentes et idiotae“ als den Gegnern des „ökono-
mischen“ Gottesbegriffes, während Hippolyt (Phil. IX, 7, 11) näherhin den
Bischof Zephyrin aus diesem Grunde ιδιώτης καί αγράμματος nennt.
 
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