Koch, Hugo; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1919, 22. Abhandlung): Kallist und Tertullian: ein Beitrag zur Geschichte der altchristlichen Bußstreitigkeiten und des römischen Primats — Heidelberg, 1920

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Kallist und Tertullian.

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I. Das ,,Edikt“ und die Vergebung der Kapitalsünden.
1. Selbstwiders prüche der Forscher.
Wie man sieht, haben die neuesten Verhandlungen so wenig
wie die früheren eine Einigung herbeigeführt, sie vielmehr in
weitere Ferne gerückt. Die Sphinx scheint des Rätsels Lösung
für sich behalten zu wollen. Die Frage hat ein merkwürdiges
Doppelantlitz, so daß man sie entgegengesetzt zu beantworten
versucht ist, je nachdem man sie von vorne oder von hinten
betrachtet. Zwar ist es nicht wie beim Epheserbrief, von dem
ein Gelehrter gesagt haben soll, daß er den paulinischen Ursprung
bejahen oder verneinen möchte, je nachdem er gut oder schlecht
geschlafen habe. Aber wenn man Tertullians Schrift De paen.
liest, möchte man unbedingt glauben, daß sie für alle Sünden
eine einmalige kirchliche Lossprechung voraussetzt. De pud. und
der Bericht Hippolyts, sowie andere Erwägungen stellen dagegen
jenen Glauben vor die größten Schwierigkeiten. So ist es nicht
zu verwundern, wenn die Forscher sich unwillkürlich in Wider-
sprüche verwickeln. Esser hat nicht verfehlt, denen, die in De
paenit. eine kirchliche Wiederaufnahme aller Sünder finden und
trotzdem das Vorgehen Kallists als eine Neuerung betrachten,
dies als Widerspruch vorzuhalten, und er hatte dazu volles Recht.
Aber, wie wenn keiner bei der Beschäftigung mit dem wider-
spruchsvollen Tertullian und der verwickelten Buß frage diesem
Schicksal entgehen könnte — Esser selber ist auch in einen
schweren Widerspruch mit sich selbst geraten.
Er bezeichnet es nämlich (Katholik, 1908, I, 97, ebenso
Stufler in der Ztschr. f. kath. Theol., 1908, 4) als ein die These
selber in einem wichtigen und wesentlichen Punkte preisgebendes
Zugeständnis, wenn Funk angesichts der Schrift De paen. mit
der Möglichkeit einer Begnadigung der Hauptsünder auf dem
Todbette rechne. Er selber aber sieht sich wegen der bekannten
Stellen in De pud., wo Tertullian der kirchlichen Haltung Folge-
widrigkeit vorwirft, weil den Unzüchtigen die Lossprechung
gewährt, den Götzendienern und Mördern dagegen verweigert
werde (c. 5. 6. 9. 12. 22, vgl. c. 19), zur Einräumung genötigt, daß
diese beiden Klassen in der Regel erst auf dem Todbette,
mancherorts selbst da nicht losgesprochen worden seien (Katholik,
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