Nikolaus [Editor]; Koch, Josef [Editor]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1938/39, 4. Abhandlung): Die Auslegung des Vaterunsers in vier Predigten — Heidelberg, 1940

Page: 209
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1938_1939_4/0209
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Drittes Kapitel
Erläuterungen
von Josef Koch
§ 1. Die Disposition der Vaterunser-Auslegung.
In den vorhergehenden literarhistorischen Erörterungen ist
bereits auf einen Punkt hingewiesen, der für das Verständnis der
Augsburger Vaterunser-Auslegung von entscheidender Bedeutung
ist: Cusanus faßt das Herrengebet als eine Ganzheit oder, wie der
erste Herausgeber A. Mayr1 sagt, als organische Einheit auf. Wenn
er das nun näher dahin bestimmt, daß der Kardinal „die sieben
Bitten nicht vereinzelt, sondern in Einheit und wesentlicher Auf-
einanderfolge“ erläutert, so genügt das doch nicht. Eine solche
Kennzeichnung gilt auch für die bedeutenderen Auslegungen der
Vorzeit, zum Beispiel die eines Augustinus oder Thomas. Um der
Eigenart des cusanischen Werkes gerecht zu werden, müssen wir
von der doppelten Disposition ausgehen, die sich in n. 2—6, S. 26f.,
findet.
Die erste Disposition (n. 2) ist formaler Natur. Cusanus
geht von dem Gedanken aus, daß ein Gebet seinem Wesen nach
Bitte ist. Die Bitte geht aus dem Verlangen hervor, und dieses
setzt die Hoffnung voraus, das Erbetene zu erhalten. „Die Hoff-
nung aber folgt dem Glauben und der Einsicht. Niemand hofft,
was er nicht glaubt oder weiß“. Gilt das nun von jedem Gebet, so
noch viel mehr von dem höchsten Gebet, dem Vaterunser. Es ent-
hält seiner Natur nach „das höchste Verlangen, Hoffen und Glau-
ben“, d. h. es umschließt die drei Tugenden Glaube, Hoffnung und
Liebe, welche die Grundlagen des christlichen Lebens sind. Darum
fügt Nicolaus die Mahnung hinzu: „Und das ist es, was du dir
vornehmen sollst, im Vaterunser zu suchen“. Was der Christ im
Herrengebet suchen soll, das entwickelt er selbst in seiner Aus-
legung. Bei jedem Artikel fragt er sich gewissermaßen innerlich:
Welche Glaubenswahrheit enthält die Bitte ? welchen Gegenstand
1 Die Auslegung des Yater-Unsers von Cardinal Nicolaus von Cusa,
Frankfurt a. M. 1839, S. 49. Zur Auffassung des Yater-Unsers als Ganzheit
vgl. neuerdings E. Lohmeyer in Theologische Blätter 17 (1938), Sp. 217
bis 227.
14 Sitzungsberichte d. Heidelb. Akad., phil.-kist. Kl. 1938/39. 4. Abh.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften