Heeßel, Nils P. ; Maul, Stefan M. [Hrsg.]; Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]
Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts (Band 5): Divinatorische Texte: II. Opferschau-Omina — Wiesbaden, 2012

Seite: IX
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Vorwort des Herausgebers

Schon bald nach Beendigung der Ausgrabungen in Assur
machte Erich Ebeling ein recht umfangreiches Corpus von keil-
schriftlichen »Handbüchern« bekannt, welche Opferschauer in
der Tigrismetropole für das Studium ihrer Disziplin niederge-
schrieben und gesammelt hatten. Nachdem Ebeling 1919 im
ersten Band seiner Keilschrifttexte aus Assur religiösen Inhalts
(.KAR) die Autographien fünf solcher Texte vorgelegt hatte, prä-
sentierte er nur vier Jahre später in dem zweiten Band
Zeichnungen von 43 weiteren, zumeist gut erhaltenen
Tafelbruchstücken, aus denen sich bereits die gesamte Band-
breite der Fachliteratur eines Opferschauers ersehen ließ.

Den Hauptanteil der von Ebeling zugänglich gemachten
Texte bilden umfangreiche Omensammlungen, in denen den als
zeichenhaft empfundenen Merkmalen, die sich auf dem
Knochengerüst, der Leber, der Gallenblase, den Nieren, der
Lunge und dem Gedärm eines Opferlamms oder -schafes beob-
achten ließen, Deutungen gegenübergestellt sind, die man für
Zukunftsprognosen heranzog. Zu dem von Ebeling vorgelegten
Textcorpus zählen außerdem Tontafeln mit kommentierten gra-
phischen Darstellungen von Befunden auf Leber und Lunge
eines Opfertiers sowie gelehrte Abhandlungen über die komplexe
Hermeneutik der mesopotamischen Eingeweideschau, die uns
auch heute noch in weiten Teilen rätselhaft bleiben.

Die Fremdheit der mesopotamischen Kunst, anhand von
Zeichen auf den Organen eines den Göttern dargebrachten
männlichen Schafes Einsicht in Zukünftiges zu gewinnen, vor
allem anderen aber die damals wenig erschlossene und daher
kaum verständliche Fachterminologie der Opferschauer mag
Erich Ebeling davon abgehalten haben, in den folgenden Jahren
Umschriften und Übersetzungen der Opferschau-Texte aus
Assur vorzulegen. Obgleich diese sowohl in W. von Sodens
Akkadischem Handwörterbuch als auch im Chicago Assyrian
Dictionary Berücksichtigung fanden, fehlen erstaunlicherweise
auch heute noch, neun Jahrzehnte nach Ebelings
Erstveröffentlichungen, Editionen der meisten dieser wichtigen
Texte. Dank der Forschungen von Jean Nougayrol, Ivan Starr,
Ulla Jeyes, Rosmarie Leiderer, Ulla Koch(-Westenholz) und
vieler anderer ist uns heute freilich nicht nur ein beachtlicher
Teil des Schrifttums der mesopotamischen Opferschauer des
zweiten und ersten vorchristlichen Jahrtausends bekannt, son-
dern auch die Fachsprache der Opferschauer so vertraut, daß
einer wissenschaftlichen Edition der Assur-Texte nichts mehr
entgegensteht.

Ein solches Unterfangen muß sich freilich nicht mehr auf
die 48 von Erich Ebeling vorgelegten Texte beschränken. Bei
einer genauen Durchsicht aller in Assur gefundenen Tontafeln
stieß ich nämlich auf nahezu 80 weitere, teils gut, teils weniger
gut erhaltene Tontafelbruchstücke, die sich bei genauerem
Studium als Opferschau-Texte zu erkennen gaben. So konnte
das Corpus der in Assur gefundenen Opferschau-Texte ganz
erheblich vergrößert und femer um einige Stücke erweitert wer-
den, die lediglich aus den Photodokumentationen bekannt sind,
die Walter Andrae zu Beginn des 20. Jh. bei den Ausgrabungen
in Assur anfertigen ließ. Den irakischen Antikenbehörden und
meinem Heidelberger Kollegen Peter Miglus bin ich dankbar
dafür, daß ein erst 2001 bei den jüngsten Ausgrabungen in Assur
unter der Leitung von Peter Miglus gefundenes Tontafel-
fragment mit Gallenblasen-Omina (hier Text Nr. 33) in das hier
vorgelegte Textcorpus aufgenommen werden konnte. So ergab
sich die einzigartige Gelegenheit, einen fünften Band der
Keilschrifttexte aus Assur literarischen Inhalts zu planen, in
dem nahezu alle bislang in Assur entdeckten Opferschau-Texte
gemeinsam vorgelegt und erstmals erschlossen werden.

Das Textcorpus ist in vielerlei Hinsicht von großer wissen-
schaftlicher Bedeutung. Nicht alleine, weil es uns neben zahlrei-
chen bislang gänzlich unbekannten Textpassagen auch tiefe
Einblicke in ein Opferschauverfahren liefert, für das nicht etwa
ein geschlachtetes Schaf, sondern ein geopferter Vogel begut-
achtet wurde (hier Texte Nr. 87-89), oder weil es eine Art
»Taschenbuchausgabe« der Kunst der Opferschau enthält, in der
auf einer einzigen Tontafel aus der neuassyrischen Zeit in fast
500 Zeilen die wichtigsten Lehren der Disziplin zusammenge-
stellt waren (hier Text Nr. 1). Die Bedeutung des hier vorgestell-
ten Textcorpus liegt vor allem darin, daß es uns die einmalige
Gelegenheit bietet, über weit mehr als ein halbes Jahrtausend
hinweg die Entwicklung und Überliefemng der keilschriftlichen
Fachliteratur assyrischer Opferschauer zu beobachten - von der
mittelassyrischen Zeit an bis zu den letzten Tagen Assurs im
ausgehenden 7. Jh. v. Chr. Kein anderer altorientalischer
Fundort eröffnet eine solche Möglichkeit! Die in Assur gefunde-
nen Opferschau-Texte können darüber hinaus wichtige
Erkenntnisse über Mechanismen des Wissenstransfers im Alten
Orient liefern. Denn neben vielen ganz sicher in Assur selbst
gefertigten Tontafeln fanden sich immerhin 28 Bruchstücke von
Opferschau-Texten, die in babylonischer Schrift geschrieben
wurden und ein für Tontafeln kassitischer Herkunft so typisches
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