Goldschmidt, Richard H.; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1927/28, 6. Abhandlung): Postulat der Farbwandelspiele — Heidelberg, 1928

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Postulat der Farbwandelspiele.

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zigen, gewaltigen farbigen Leuchten durchflutet. Das intensive
farbige Licht erstrahlte jeweils eine ganze Weile und wirkte schon
durch seine Stärke mächtig auf die Gemütsstimmung. Der weiße
Anstrich und die Kuppelform des Aufenthaltsraumes (nach 7.)
erwiesen sich als vortrefflich geeignet, um das von oben nach allen
Seiten hin strahlende, farbige Licht gleichsam in ein mächtiges
Lichtmeer zu verwandeln, das den ganzen Raum erfüllte. —
Ab und zu wechselte die Farbe des Lichtes, aber nicht derart all-
mählich, wie das den Augen vielleicht hätte wohl tun können,
sondern mit störender Aufdringlichkeit: ruckweise. Wie ein Knall
wirkte der heftige Ruck des Farbwechsels auf einen Betrachter.
Und wie die Überfülle des Lichtes, wirkte auch die Plötzlichkeit
seines Farbwechsels: stets gewaltig, zuweilen mächtig, wuchtig,
zumeist aber grell, roh, brutal, tyrannisch, erdrückend. Die Heftig-
keit eines Lichtwechsels konnte derart unerträglich werden, daß
sich unwillkürlich die Augen schlossen, so, wie man sich bei allzu
starkem Lärm und Getöse seine Ohren zuhält. — Neben dem Über-
mäßigen der Lichtstärke, neben dem Plötzlichen, mit dem das
Lichtseinen Farbton immer wieder wechselte, ist besonders beach-
tenswert, daß sich die Beleuchtung jeweils nur in einem einzigen
Farbton allseitig über das gesamte Gesichtsfeld erstreckte. Das
alles hatte etwas recht Befremdliches. Und dies Fremdartige der
ganzen Farbdarbietung macht es verständlich, daß der einzelne
Farbton selbst nicht recht zur Geltung kam, daß einem Betrachter
überhaupt die Hingabe an die Farbe als solche zumeist nur schwer
oder garnicht gelang. Sogar der Eindruck des Gewaltigen konnte
durch das Befremdliche gestört werden.
Immerhin zeigten die Farbdarbietungen bisweilen eine bemer-
kenswert geringe Adäquatheitsdistanz gegenüber denjenigen Postu-
laten, die auf einen Eindruck des Gewaltigen abzielten. Aber
Farbwandelspielpostulate beschränken sich hierauf ebensowenig,
wie etwa Musikpostulate auf ein Furioso; es ist nicht üblich, ein
ganzes Konzert nur auf der Pauke zu spielen. Aber bildhaft zeigt
dies Analogon daraufhin, daß es denkbar ist: Farbdarbietungen
der erwähnten oder einer verwandten Art würden sich im Rahmen
von Farbwandelspielen als Ausdruck einer Steigerung mitverwenden
lassen.
9. Hirschfeld-Mack schrieb selbst über „Die reflektorischen
Farbenspiele“ (mit der Signierung L. H.-M. im Heft 8 des 5. Jahr-
gangs der Monatshefte „Junge Menschen“, im Sonderheft „Bauhaus
Weimar“ vom November 1924, S. 198/99):
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