Driesch, Hans; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1919, 18. Abhandlung): Logische Studien über Entwicklung, 2 — Heidelberg, 1919

Page: 7
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/sbhadwphkl_1919_18/0007
License: Free access  - all rights reserved
0.5
1 cm
facsimile
Logische Studien über Entwicklung.

7

total passiv: sie haben gewisse Eigenpotenzen („Eigenkräfte“)
mit Rücksicht auf Veränderung überhaupt, wenn schon, der
Voraussetzung nach, nicht mit Rücksicht auf die besondere ent-
wicklungshafte Veränderung zu Zustand R hin. Entelechie „be-
nutzt“ diese Eigenpotenzen, d. h. ihre Wirkung kombiniert sich
mit dem Wirken dieser Potenzen. Das kann geschehen nach Maß-
gabe der Drehungshypothese von Descartes und Hartmann,
nach Maßgabe meiner eigenen Suspensionshypothese oder nach
noch anderem Schema, wovon später geredet werden wird.
In beiden Fällen brauchen die Sätze von der Energieerhaltung
und braucht auch der „Satz des Geschehens“ von Helm-Ost-
wald, der Satz, daß Geschehen überhaupt nur bei vorgebildeten
„Intensitätsdifferenzen“ möglich ist, nicht durchbrochen zu werden.
Die „Eigenpotenzen“ der Elemente können entweder ener-
getisch (als Intensitäten oder Potentiale) oder elektrodynamisch
oder mechanisch gedacht werden; im letzten Falle wären sie ledig-
lich im Sinne inhärierender Geschwindigkeiten gegeben. Die „Ele-
mente“ selbst können entsprechend Atome der Chemie oder
Elektronen oder gleichartige Massenatome im Sinne einer mecha-
nischen Materientheorie sein. —

Wir reden jetzt nur von dem Falle 2, also nur von evolutiv-
entelechialer Entwicklung eines nicht total passiven Sy-
stems, und klassifizieren a priori weiter, und zwar zunächst neben-
einander unter zwei neuen Gesichtspunkten.

Die materiellen Elemente(= Letzt-
teile) des sich evolutiv-entelechial ent-
wickelnden Systems können im Be-
ginn der Entwicklung sein:
a) vereinzelt
a1) mit gleichen Eigenpotenzen
(s. o.)
a2) mit nach Stärke und Richtung
verschiedenen Eigenpotenzen,
ohne daß aber — (der Voraus-
setzung nach!) diese Potenz-
verschiedenheit auf das beson-
dere Ziel, den Zustand B, ge-
richtet wäre;
b) zu gleichen Gruppen zusam-
men geschlossen, derart, daß das
ganze System in Zustand A aus n
Elementengruppen besteht, deren
jede den Bau-Typus T besitzt.

Die Entwicklung kann verlaufen:
oc) ohne jede R.egulation, sodaß ihre
Störung das Erreichen des Zustan-
des B unmöglich macht.
(Wir haben früher1 Regulation
ein „Kriterium“ für Evolution ge-
nannt. Es darf aber nicht um-
gekehrt heißen, daß, wo Evolu-
tion sei, auch Regulation sein
müsse, denn es ist regulationsfreie
Evolution denkbar.)
ß) mit nur beschränkten, partiellen
Regulationsmöglichkeiten,
y) unter dauerndem Bestehen einer
„harmonischen“ und „komplexen“
Äquipotentialität der Teile. Dar-
über folgt sogleich Näheres.

1 S. den ersten Teil dieser Studien S. 27.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften