Driesch, Hans; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1919, 18. Abhandlung): Logische Studien über Entwicklung, 2 — Heidelberg, 1919

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Hans Driesch:

auf die letzten Bestandteile des Dinghaften („Atome“, „Urdinge“)
und auf die elementaren Bewegungsgesetze dieses Urdinghaften.
Noch Elementareres ist hier nicht möglich. Also ist auch
eine Art von Axiomatik, so wie Hilbert sie für Geometrie und
Arithmetik durchführt, hier nicht möglich, denn es handelt sich
um keine „reine“ Wesenswissenschaft, sondern um eine Wissen-
schaft des hic et nunc, um eine „empirische“ (s. o. Seite 4) Wissen-
schaft. Was apriori hingesetzt werden kann, ist nur die Lehre
von den „möglichen“ Formen von Werden und von Entwicklung,
wie sie auf Seite 173ff. der „Ordnungslehre“ und im Anfänge
des ersten Teilet dieser Studien versucht worden ist.

A. Definition des harmonisch-äquipotentiellen Systems.
a) Vorbemerkung.
Es gilt bei zusammengesetzten Dingen drei Formen der
Mannigfaltigkeit zu unterscheiden: die Mannigfaltigkeit nach
Zahl, nach Bauart und nach Stufen; jede dieser drei Mannig-
faltigkeiten hat jeweils ihren bestimmten Grad.
Ein Ding ist der Zahl nach um so mannigfaltiger, aus je
mehr Urdingen es besteht.
Seine Mannigfaltigkeit nach Bauart bestimmt sich nach den
Verschiedenheiten der zwischen den Urdingen obwaltenden Bezie-
hungen, wobei ausdrücklich die Urdinge als unmittelbare Bau-
elemente des in Rede stehenden Dinges angesehen sind. In beiden
bis jetzt festgelegten Bedeutungen des Wortes „Mannigfaltigkeit“
hat das Wasserstoffatom eine Zusammensetzung niedrigeren Grades
als irgend ein Metallatom.
Stufen der Zusammensetzung ergeben sich, wenn ein ding-
haftes Gebilde aus Untergebilden besteht, welche selbst erst aus -
Urdingen als ihren unmittelbaren Bauelementen bestehen, derart,
daß jene Untergebilde, als ob sie selbst Elemente wären, das
Gebilde zusammensetzen, so daß also ihre Zusammensetzung zu
Höherstufigem ihren eigenen Innenbau unberührt läßt.
Ein Atom ist im Sinne der Elektronentheorie einstufig, d. h.
besteht unmittelbar aus Urdingen. Ein Molekül faßte die ältere
Chemie, (soweit sie schon mit dem Elektronenbegriff arbeitete), als
zweistufig auf; die modernste Chemie faßt es als einstufig, da sie
es nicht als aus den Atomen als Untergebilden, sondern unmittel-
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