Driesch, Hans; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1919, 18. Abhandlung): Logische Studien über Entwicklung, 2 — Heidelberg, 1919

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Logische Studien über Entwicklung.

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Ich will gar nicht bestreiten, daß ein echtes Schaffen von
Bewegung seitens der Entelechie denkbar ist, ohschon ich vor-
ziehe, es nicht zu verwenden, solange seine Verwendung zu um-
gehen ist. Ich bestreite sogar nicht die Möglichkeit von Freiheit
— eine Angelegenheit, die unentscheidbar ist1.
Was ich bestreite, ist nur, daß Boussinesq gezeigt habe, es
sei ein Vitalismus oder sogar eine Freiheitslehre ganz ohne
Durchbrechung der ^mechanischen Gesetzlichkeit denkbar.
III. Theorie des harmonisch-äquipotentiellen Systems.
In meinen älteren Schriften und Werken habe ich den Begriff
des harmonisch-äquipotentiellen Systems nicht eigentlich im Sinne
einer kurz gefaßten Definition aufgestellt, sondern ihn durch all-
mähliche Analyse des in Frage stehenden Sachverhalts sukzessive
entwickelt2. Das, was da vorlag an Vermögen und Gescheh-
nissen sollte zuerst „äquipotentielles“, dann besser „singulär-
äquipotentielles“, dann noch besser „harmonisch-äquipotentielles
System“ genannt werden.
Den Beweis der mechanischen Unauflösbarkeit der Diffe-
renzierung harmonischer Systeme aber habe ich in meinen älteren
Schriften und Werken so geformt, daß ich vom Begriff der Maschine,
welche als „spezifisch lokalisierte Kombination physikalisch-che-
mischer Faktoren“ definiert war, ausging und sodann den Satz
aufstellte, daß eine nach den drei Achsen des Raumes verschieden
gebaute Maschine nicht „dieselbe“ (in bezug auf die Typik ihres
Baues) bleibt, wenn man ihr beliebige Teile nimmt oder ihre Teile
beliebig verlagert. Das harmonische System bleibt in diesen
Fällen seinem Leistungsvermögen nach „dasselbe“, also . . .
Im folgenden soll nun zweierlei versucht werden:
Zum ersten soll das harmonisch-äquipotentielle System,
erstens so, wie es im Lebendigen vorliegt, und zweitens so, wie es
in allgemeinster Form gedacht werden kann, streng „definiert“
werden.
Zum andern soll der Beweis der Unauflösbarkeit harmonischer
Äquipotentialität geformt werden unter unmittelbarer Bezugnahme
1 S. Wirklichkeitslehre, S. 120 und Das Problem der Freiheit, 1917.
2 Vgl. zumal Phil. d. Org. 1909, I, S. 119 (Gifford Lectures, 1908, I,
S. 118). Erste Darstellung: Die Localisation morphogenetischer Vorgänge, ein
Beweis vitalistischen Geschehens, 1899.
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