Hoops, Johannes; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1940/41, 5. Abhandlung): Shakespeares Name und Herkunft — Heidelberg, 1941

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Johannes Hoops: Shakespeares Name und Herkunft

Dadurch wird doch vielleicht erwiesen, daß engl. Shake-
speare und dt. Schüttespeer nicht unbedingt auf eine gemein-
same französische Quelle zurückzugehen brauchen, sondern daß sie
ebenso gut unabhängig voneinander gebildet sein können.
Shakespeare mag in einzelnen Fällen vielleicht eine Wiedergabe des
normannischen Familiennamens Levelaunce, in andern Fällen mög-
licherweise eine Übersetzung von unbelegten altfranzösischen Spitz-
namen wie *crolle-espieu, *crolle-lance sein. Im ganzen aber ist es
wahrscheinlicher, daß es als Gattungsname nach dem Muster der
normannischen Imperativnamen im 12. oder 13. Jahrhundert
in England selbständig entstanden ist, und daß es eine völlige
Neuschöpfung mit einheimischem Sprachmaterial nach dem Muster
andrer normannischer Ausdrücke dieser Art darstellt.
Auf jeden Fall aber war Shakespeare oder seine etwaige fran-
zösische Vorlage ursprünglich ein Gattungsname, und zwar
ein Spitzname.

11. Entstehung des Spitznamens Shakespeare.
Wenn somit Shakespeare ein imperativischer Spitzname fran-
zösischer oder einheimischer Prägung ist, so fragt es sich jetzt, wie
wir uns seine Entstehung zu denken haben. Man kann darüber
verschiedener Meinung sein.
Vielleicht war er ursprünglich ein Spitzname für einen Men-
schen, der gern bombastisch den tapfern Krieger spielt, oder der
gern „mit dem Säbel rasselt“, wie wir heute sagen. Dafür könnte
der ähnlich gebildete Spitzname Sim Shakebuckler 'schüttle den
Schild’ sprechen, der 1550 und 1560 als Benennung von Dienern
belegt ist und wohl gleichbedeutend ist mit swashbuckler 'Eisen-
fresser, Raufbold, Renommist’ (vgl. oben S. 51 u. Anm. 2).
Wahrscheinlicher aber war shakespear ein Spottname für einen
Lanzenknecht oder für einen übereifrigen, lanzentragenden Diener
des Gesetzes, der leicht in Erregung und Zorn gerät und dann
gleich mit der Waffe droht (vgl. oben S. 49 u. 26 f.). Das ist die
Meinung von Charles W. Bardsley, der schreibt1:
“Wagspear, or Shakespeare, or Shakeshaft or Drawsword, or Drawespe
would easily fix itself upon some over-demonstrative Sergeant or clearer of
the way.”

1 English Surnames, 2cl ed. 1875, S. 461.
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