Metadaten

Schmidt, Ernst A.; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1991, 2. Abhandlung): Ovids poetische Menschenwelt: die Metamorphosen als Metapher und Symphonie ; vorgetragen am 3. Juni 1989 — Heidelberg: Winter, 1991

DOI Seite / Zitierlink: 
https://doi.org/10.11588/diglit.48162#0090
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten

DWork-Logo
Überblick
loading ...
Faksimile
0.5
1 cm
facsimile
Vollansicht
OCR-Volltext
88

Ernst A. Schmidt

Poesie nach Lessings Laokoon) und die Unumkehrbarkeit der Reihen-
folge hinaus. Sie gilt insbesondere der thematischen Komposition, der
Art der Themenentwicklung, -führung, -kreuzung und -Verwandlung.
Ich habe dabei nicht ein spezifisches Musikwerk im Sinn und mache die
Metamorphosen weder zum dichterischen Pendant Brucknerscher oder
Mahlerscher Symphonien noch zur poetischen Analogie von Komposi-
tionen Weberns, Schönbergs oder Bartöks. Dabei leugne ich nicht, daß
Beschreibungen oder Analysen solcher Musikwerke eine Reihe von
Analogien zu meiner Methode enthalten. So verweise ich etwa auf die
Analyse des Finales von Bruckners fünfter Symphonie durch Rudolf El-
ler.2 Aber es geht mir nicht etwa um die Diagnose des „Triumph(s) des
Motivs über die formal-architektonische Idee“3 oder des Material- über
das Gestaltdenken.4 5 Ich sehe in Ovids Themenbehandlung, -durchfüh-
rung und -Variation gerade die gestalthafte Organisation der Metamor-
phosen-, diese nenne ich nur deshalb nicht ,Struktur4, weil ich die dabei
mögliche Assoziation von etwas Statisch-Architektonischem vermeiden
will. So ziehe ich die Metaphern ,Komposition4 oder ,Syntax4 vor.
Meine Optik (bzw. ,Akustik4) der Metamorphosen ist keineswegs ab-
solut neu.'’ Im Gegenteil schließt sie sich, wie das folgende zu erkennen
geben wird, an Einsichten und Beobachtungen zumal von Fränkel, Lud-
wig und Otis an. Sie ist nur neu darin, daß sie nicht Tiefe gegen Oberflä-
che (Ludwig), motivische Eigendynamik gegen Plan, Ovid gegen Ovid

2 Eller (1951), Bruckner und Bach, S. 357ff.
3 Wehnert (1966), Thema und Motiv, Sp. 308 (Kurt Westphal). Dieser Auffassung kommt
Otis (1970), Conclusion to Ovid (vgl. bes. S. 309f.) nahe, wenn er dem „,static‘ or archi-
tectural plan“ nur sekundäre Bedeutung zuschreibt.
4 Wehnert (1966), Thema und Motiv, Sp. 309.
5 Mein methodisches Programm ist ohne Kenntnis ähnlicher Deutungen zur Komposition
der Romane Heimito von Doderers entstanden (H. von Winter, Heimito von Doderer.
In: Wort in der Zeit 1, 1955, S.3; H. Politzer, Zeit, Wirklichkeit, Musik. Das Werk
H. v. D.s, Merkur 22, 1968, S. 432; L.-W. Wolff, Wiedereroberte Außenwelt. Studien
zur Erzählweise H. v. D.s am Beispiel des „Roman N° 7“, Diss. Tübingen, Göppinger
Arbeiten zur Germanistik, Bd. 13, Göppingen 1969, S. 24). Darauf von Josef Delz am
9. 1.1988 aufmerksam gemacht, habe ich diese auf Doderers Reißbrettskizzen beruhen-
den Urteile zum graphischen Vorentwurf eines symphonischen Koordinatensystems (mit
Angabe der Sätze, Reihenfolge der Motive, der Tempi, einzelner Orchesterstimmen)
weder von der Anlage dieser Skizzen her (Autopsie originalgroßer Xerokopien der Skiz-
zen zur Strudlhofstiege in Wien) noch von ihrer Funktion im Entstehungsprozeß her
bestätigt gefunden, wie sie in der sorgfältigen und kompetenten Arbeit von Roswitha
Fischer, Studien zur Entstehungsgeschichte der „Strudlhofstiege“ H. v. D.s (Wiener Ar-
beiten zur Deutschen Literatur, Bd. 5), Wien - Stuttgart 1975 dokumentiert ist (vgl. bes.
S. 245ff. mit Zitaten aus den oben genannten Schriften).
 
Annotationen
© Heidelberger Akademie der Wissenschaften