Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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I. Die Abtei von Saint-Bertin

Saint-Bertin in Sithiu war die erste große Abtei der Grafschaft Flandern, die im
Zuge ihrer correctio ab 1099/1100 mit dem ordo cluniacensis in Verbindung kam.
Die ganz bewusste Entscheidung für diese Lebensweise hatte für die Gemeinschaft
aber schwerwiegende rechtliche Folgen, da Saint-Bertin als assoziierte Abtei in die
ecclesia cluniacensis eingegliedert wurde. Die Frage nach der Freiheit des Klos-
ters führte schließlich zu einem schweren Konflikt mit der burgundischen Abtei,
der erst nach über dreißig Jahren zugunsten Saint-Bertins beigelegt werden konn-
te. Eben dieser spezifische Kontext macht die Abtei in Sithiu zu einem besonders
wichtigen Beispiel: Der schwere Konflikt mit Cluny schlug sich nicht zuletzt in
einer sehr guten Quellenüberlieferung nieder, die wiederum ungewöhnlich genaue
und vielfältige Einblicke in die correctio der Gemeinschaft ermöglicht und sich da-
bei nicht ausschließlich auf den spirituellen Bereich beschränkt, sondern auch die
übrigen Seiten einer correctio beleuchtet. In diesem Zusammenhang kommt vor
allem den Gesta abbatum Simons von Saint-Bertin eine wichtige Rolle zu, da die-
ses Werk gleich in mehrfacher Weise in Bezug zur correctio des Klosters steht: Ihr
erstes Buch entstand in unmittelbarem Eindruck der correctio. Eine Analyse dieses
Textes verspricht daher Erkenntnisse darüber, wie auch historiographische Texte die
correctio einer Gemeinschaft unterstützen konnten. Das zweite und dritte Buch der
Gesta abbatum entstanden erst nach der Beilegung des Konflikts und thematisieren
die correctio und ihre schwerwiegenden Folgen für die Abtei. Der detailreiche aber
zugleich auch tendenziöse Text ermöglicht seltene und zum Teil ganz neue Perspek-
tiven auf das Phänomen der correctio.
Eine Beschäftigung mit der Abtei von Saint-Bertin ist für die vorliegende Studie
nicht zuletzt auch deswegen besonders wichtig, weil dieses Kloster in der Forschung
als ein großes »Reformzentrum« angesehen wurde, von dem aus der ordo clunia-
censis in einer ersten »Reformwelle« in zahlreiche Gemeinschaften der Grafschaft
getragen wurde. Die bereits erwähnte gute Quellenüberlieferung wird schließlich
dazu beitragen können, eben diese Vorstellung einer sich filiationsartigen »Reform«
von Saint-Bertin zu hinterfragen.
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