Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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Einleitung

»Als er [Bartholomäus von Laon] sah, wie die religio des Klosters von Saint-Ni-
colas-aux-Bois, das im Wald von Voas gelegen war, etwas nachließ, machte er ei-
nen sehr tüchtigen Mönch aus Saint-Nicaise in Reims mit Namen Simon zum Abt.
Durch ihn und mit der Hilfe Gottes wurde dieses Kloster in kurzer Zeit so verbes-
sert, dass es sowohl im Innern in der religio, als auch im Äußern durch die Vielfalt
ihres Besitzes erblühte.«1
Mit diesen Worten beschreibt Hermann von Tournai Mitte der 1140er Jahre jene
Veränderungen, die die Gemeinschaft von Saint-Nicolas-aux-Bois in der Diözese
Laon ab dem Jahr 1115 erfahren hatte, und die in der Forschung unter dem Begriff
der »Reform« zusammengefasst werden.2
Die »Reform« von Klöstern durchzieht die Geschichte des Religiosentums wie
ein roter Faden und darf als integraler Bestandteil dieser Lebensform gelten.3 Der
Entschluss, ein klösterliches Leben führen zu wollen, forderte, wie Gert Melville
betont, den »ganzen Menschen«; seine conversio beschränkte sich nicht allein dar-
auf, ein asketisches Leben in Abkehr von der Welt zu führen, sondern forderte auch,
eine tiefgreifende innere Wandlung zu vollziehen und letztlich eine neue Identität
anzunehmen.4 Dass dieses Vorhaben oft sehr schwer umzusetzen und vor allem auf-
rechtzuerhalten war, beweist die Geschichte des Mönchtums, die oft als eine ständi-

1 Heriman, Les miracles, III, c. 18, S. 236: »In cenobio namque Sancti Nicholai, quod in silva Vosago situm
videbat aliquantulum in religione tepuisse quendam strenuissimum monachum Sancti Nichasii Remensis,
nomine Symonem, fecit abbatem; per quem, Deo donanate, intra breve tempus sic meliorata est eadem
Ecclesia, ut et interius in religione, et exterius in multimoda floreret possessione.«
2 Zu Saint-Nicolas-aux-Bois und seiner correctio siehe unten S. 375-377.
3 E. Klueting, Monasteria semper reformanda widmet sich dem Phänomen der »Reform«, legt den Fokus
aber weitgehend auf das Spätmittelalter; die correctio der Mönche ist bereits in der Regula Benedicti (RB,
Prol. 36) verankert, vgl. dazu M. Puzicha, »damit wir uns von unseren Fehlern bessern«.
4 G. Melville, Der Mönch als Rebell, S. 153; zu dieser Thematik auch G. Melville, M. Schürer (Hgg.), Das
Eigene und das Ganze.
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