Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

Page: 535
DOI Page: Citation link: 
https://digi.hadw-bw.de/view/kai3/0539
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
3. Das gottgefällige Leben der Mönche | 535

treu an den Texten der überlieferten Gewohnheiten, hat die jüngere Forschung und
zuletzt Cochelin mehrfach darauf verwiesen, dass auch diesbezüglich stark diffe-
renziert werden muss.2108 Das Beispiel Hermanns von Tournai macht dies besonders
deutlich, wenn er berichtet, dass die erste Generation des Martinsklosters sich an
einer Vielzahl von Texten orientierte und inspirierte. Neben der Regula Benedicti
nennt er die Texte Cassians und die Gewohnheiten von Cluny als Inspirationsquel-
len. Odo selbst verweist zudem auf die Evangelien als oberste Richtschnur. In Saint-
Martin, wie auch in Anchin spielten überdies die Texte Gregors des Großen eine
wichtige Rolle. Diese Texte dienten jedoch nicht nur dazu, spirituelle Leitideen und
allgemeine monastische Tugenden zu vermitteln, sondern konnten, wie das Beispiel
von Saint-Martin zu erkennen gibt, konkrete handlungsleitende Funktionen haben
und zusammen mit den übrigen Regeltexten eine Art Amalgam bilden.
Während Gemeinschaften wie Saint-Martin in der Zeit um 1100 recht offen mit
Regeltexten umgingen, was in den eigenen Reihen mitunter auf Kritik stieß, finden
sich auch Gemeinschaften wie Saint-Bertin, die im Umgang mit Regeltexten weit
weniger offen waren. In Sithiu wurde der ordo cluniacensis nicht nur durch den
Tausch von Mönchen und die dort lebenden Cluniazenser vermittelt, sondern auch
durch das geschriebene Wort, das man dort aber so buchstabengetreu umgesetzt
sehen wollte, dass dies selbst in Cluny auf Unverständnis stieß. In Marchiennes,
dem einzigen hier untersuchten Kloster, das eine zeitgenössische Handschrift der
Gewohnheiten von Cluny überliefert, wurde der ordo cluniacensis in seiner schrift-
lichen Form zusammen mit den in Reims getroffenen Beschlüsse erst viele Jahre
nach der begonnenen correctio eingeführt; der Codex dürfte eine vorwiegend do-
kumentarische Funktion besessen haben, wenngleich die Generalkapitel ein eher
präskriptiv-prospektives Verständnis dieses neuen Ordos hatten.
Der Umgang der Gemeinschaften mit normativen Texten zeugt somit von einer
großen Offenheit, die von den unterschiedlichsten Faktoren wie auch Interessen
bedingt war. Im Falle Saint-Bertins waren von allen Seiten her große Anstrengun-
gen unternommen worden, um den Ordo Clunys zu erhalten. Dass dieser Ordo
nun in Sithiu besonders strikt befolgt werden sollte, hängt nicht damit zusammen,
dass diese Abtei etwa die Spiritualität des alten und traditionellen Mönchtums wi-
derspiegelt, sondern damit, dass sich vor allem der Abt und die Großen der Graf-
schaft ganz bewusst für diese Lebensweise entschieden hatten. In Saint-Martin
hingegen war der ordo cluniacensis (bzw. der Ordo von Anchin) nach Hermanns
Darstellung ein von außen an die Gemeinschaft herangetragener Kompromiss und
erfuhr daher eine ganz andere Behandlung. In Saint-Martin war nicht zuletzt auch

2108 I. Cochelin, Evolution; Dies., Community and Customs.
loading ...

© Heidelberger Akademie der Wissenschaften