Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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5. Die zeitgenössischen Texte als Überreste der correctio
5.1. Das Patrocinium
Das Patrocinium ist auf den ersten Blick ein äußerst heterogenes Werk, das historio-
graphische, hagiographische und erbauliche Elemente in sich vereint. Im Zentrum
des Werks steht zum einen die Wirkkraft der heiligen Rictrud und zum anderen
der Niedergang und die Wiederherstellung des religiösen Lebens in Marchiennes.
Inwiefern das Patrocinium Anteil an der inneren correctio des Klosters hatte, das
heißt der spirituellen Erbauung der Brüder, soll im Folgenden gezeigt werden.
5.1.1. Bruder Fulchard und die correct/o des Klosters
Die zentrale Figur in Galberts Patrocinium ist zweifelsohne der Laienbruder Ful-
chard, dessen von schweren Schicksalsschlägen geprägtes Leben für Galbert of-
fensichtlich ganz besonders erinnerungswürdig war und als Beispiel eines idealen
Mönchs diente. Galbert ging es darum, die Verhaltensweisen eines guten Mönchs
darzustellen, vor allem aber darum, aufzuzeigen, dass das Mönchsein kein statischer
Zustand war, sondern ein stetiger Prozess der Veränderung.
Über Bruder Fulchard berichtet Galbert, dass er bereits in der Welt ein vorbild-
liches Leben geführt habe. So sei er in den weltlichen Angelegenheiten durchaus
geschickt gewesen, habe sich aber nicht durch eine Ehefrau und Söhne gebunden
und den weltlichen Begierden hingegeben. Für seine Mutter, die eine arme Witwe
war, habe er große Zuneigung gezeigt und sich sehr um sie gekümmert. Auch den
fleischlichen Begierden habe er entsagt. Nachdem seine leiblichen Brüder gestor-
ben waren, sei er, der bereits zuvor kein Freund der Welt gewesen sei, ihr Feind
geworden und habe den Wunsch geäußert, den Habit zu nehmen.1140 Diesen emp-

1140 Galbert, Patrocinium, c. 1, S. 140E: »Hic itaque bonae indolis juvenis, de quo intendimus, satis as-
tutus in negotiis secularibus, nulla tarnen dote, sed neque conjugis seu filiorum compede, mundanis
concupiscentiis astrictus, matri & maxime in viduitate sua non solum filii, sed etiam mariti carissimi
administrationem sedulam, non tarn in matris quam in superni Patris gratiam, affectuosissime impen-
debat; omnes carnales amores vel carnales voluptates, praeter hoc quod mater intendebat, pro nihilo &
velut stercora procul dubio reputans. Ergo abjecta fere omni mundanae pompae, & maxime carnalium
fratrum causa, quorum immatura morte ultra humanum modum tabescebat, mundo non jam amicus,
imo inimicus; solii Deo, sanctae conversationis habitu, cum B. Benedicto placer satagebat.«
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