Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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1. Die Abtei von Marchiennes von den Anfängen bis 1100
Über die Anfänge der Abtei von Marchiennes berichten die Quellen erst relativ spät.
Eine erste Erwähnung der Gemeinschaft findet sich Ende des 9. Jahrhunderts in der
sogenannten Suppletio der Vita Sancti Amandi des Milo von Saint-Amand. Darin
wird Marchiennes zusammen mit anderen Klöstern der Gegend als eine Gründung
des heiligen Amandus aufgeführt.903 Dies berichtet auch die im Jahr 907 verfasste
Vita Rictrudis des Hucbald von Saint-Amand, der früheste Gründungsbericht des
Klosters von Marchiennes.904 Da Hucbald beim Verfassen dieses Werks allerdings
kaum ältere schriftliche Zeugnisse zur Verfügung standen, muss dieser Text im De-
tail mit großer Vorsicht behandelt werden.905 Im Folgenden sollen daher nur die
wichtigsten Etappen der Gründungsgeschichte wiedergegeben werden.
Die Abtei von Marchiennes wurde um 640 durch den heiligen Amandus gegrün-
det.906 Dieser habe die Leitung der Gemeinschaft an einen gewissen Jonatus über-
geben, der allerdings nicht nur Männer, sondern auch Frauen in die Gemeinschaft
aufgenommen habe.907 Eine dieser Frauen war Rictrud, die schon bald zur Äbtissin
der Gemeinschaft aufsteigen sollte. Der Vita Rictrudis zufolge stammte sie aus der
Gascogne und heiratete einen gewissen Adalbald, der dem Königshof nahe stand
und dessen Familie im Ostrevent Besitz hatte. Mit ihm hatte sie vier Kinder, Mau-
rontus, Coltsendis, Eusebia und Adalsinde. Als Adalbald aber ermordet wurde,
habe sich Rictrud für ein religiöses Leben entschieden und sei in die Gemeinschaft
903 Milo, Vita Amandi Episcopi secunda (Suppletio Milonis), c. 1, S. 450-451 nennt den Mont Blandin in
Gent, Marchiennes, Leuze, Renaix, Barisis-au-Bois und Elnon; zu den Anfängen und den Fundations-
erinnerungen von Marchiennes vgl. Ch. Meriaux, Gallia irradiata, S. 296-298.
904 Hucbald, Vita Rictrudis, (AASS 3. Mai), S. 81-89; (MPL 132), Sp. 829-848; (ASB 4, hg. von J. Ghes-
quiere), S. 488-503; englische Übersetzung: J. Alborg, J. A. McNamara, Sainted Women, S. 195-219;
zu Hucbald vgl. J. M. H. Smith, A Hagiographer at Work; Dies., The Hagiography of Hucbald.
905 Vgl. dazu den Prolog zur Vita Rictrudis, S. 91-94; über die Umstände der Abfassung der Vita, die ver-
schiedenen Schreibintentionen vgl. K. Uge, Creating the Monastic Past, S. 115 -127; zu den Etappen bei
der Entstehung der Rictrudlegende vgl. auch Dies, The Legend of Saint Rictrude.
906 Zur Datierung vgl. K. Uge, Creating the Monastic Past, S. 97, 105-107.
907 Jonatus könnte dieselbe Person sein wie Jonas von Bobbio, der Verfasser der Vita Columbani.
Nach I. Pagani, lonas-Ionatus, S. 45-88 besteht die Möglichkeit, dass sich bzgl. ein und derselben Per-
son unterschiedliche Traditionen erhalten haben. So habe sich in Luxeuil die Tradition erhalten, Jonas sei
der Gefährte Columbans und der Verfasser seiner Vita gewesen, während Jonas/Jonatus in Marchiennes
und Saint-Amand als der Gefährte des heiligen Amandus galt. Vgl. dazu auch K. Uge, Creating the
Monastic Past, S. 107; zu Jonatus und der Aufnahme von Frauen vgl. Vita Rictrudis, ASB 4, S. 496: »Cui
perficiendo et ordinando idem Praesul discipulum suum praefecerat Abbatem S. Jonatum, venerabilem
virum, cujus adhuc in eodem monasterio sacrum corpus habetur reconditum. In quo et monachorum
ordinem B. Amandus haberi voluit: sed jam dictus abbas Jonatus sanctimoniales, pro ut sibi visum fuerat,
aggregavit.«
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