Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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5. Die correctio von Saint-Bertin: Folgerungen
Die correctio von Saint-Bertin lässt sich durch Simons Gesta abbatum und die da-
rin überlieferten Dokumente gut fassen: Die große Detailfreude, mit der Simon
über die beteiligten Akteure, ihre Entscheidungen und Machenschaften berichtet,
ermöglicht seltene Einblicke in dieses Phänomen. Die correctio von Saint-Bertin
zielte zunächst auf die spirituelle Erneuerung der Gemeinschaft ab; eben dies glaub-
ten die beteiligten Akteure (Grafenhaus, Bischof, Abt) mit der Einführung des ordo
cluniacensis besonders gut herbeiführen zu können, weshalb sie große Zugeständ-
nisse an die Abtei von Cluny machten. Diese spirituelle Erneuerung der Gemein-
schaft war aber nur ein Aspekt der correctio und darf vielmehr als Ausgangspunkt
für eine Vielzahl von weiteren wichtigen Veränderungen angesehen werden: Neben
der rechtlichen Abhängigkeit Saint-Bertins von Cluny findet sie ihren Ausdruck in
den Veränderungen der personellen und sozialen Zusammensetzung der Gemein-
schaft und nicht zuletzt in den Veränderungen der Besitz- und Herrschaftsstruk-
turen. Der letztgenannte Bereich macht mehr als deutlich, dass das soziale Umfeld
des Klosters (die Großen der Gegend und die Dienstleute des Klosters) sehr großen
Anteil an der correctio hatte. Abt Lambert führte eine entschiedene Restitutions-
politik, die nicht nur darauf abzielte, verlorengegangenen Klosterbesitz zurück-
zugewinnen, sondern auch die Beziehungen zwischen der Gemeinschaft und den
weltlichen Herren zu verbessern: Vor allem das Verhältnis zu den Dienstleuten des
Klosters galt es neu zu definieren und für die Zukunft zu sichern. Eben dies lag
auch im Interesse der Großen und nicht zuletzt des Grafen, weshalb sie zu den
wichtigsten Unterstützern der correctio zu zählen sind. Wie eng die Verbindungen
zwischen dem Kloster und seinem sozialen Umfeld waren, zeigt der 1112 ausbre-
chende Konflikt mit Cluny; er versetzte vor allem den Grafen und die Großen der
Gegend in Angst, fürchteten sie doch, Abt Pontius von Cluny werde in die Besitz -
und Herrschaftsstrukturen der Gemeinschaft eingreifen. Sie sahen ihren Einfluss
auf das Kloster, dessen Besitz und Dienstleute von einem Abt bedroht, der nicht
mit den lokalen Verhältnissen und Gegebenheiten vertraut war. Die Freiheit Sithius
und die Wahl des Abtes wurden somit zu den zentralen Fragen dieses Konfliktes.
Führt man sich vor Augen, dass eben diese Aspekte wenige Jahre zuvor von genau
denselben Personen Cluny zugesprochen worden waren, wird deutlich, wie stark
die correctio Sithius letztlich von den Interessen und der Politik des Grafenhauses
und der Großen der Grafschaft abhing - und dies umso mehr, da es sich um eine so
bedeutende und reiche Abtei wie Saint-Bertin handelte. Das Beispiel dieses Klosters
zeigt somit, dass seine correctio keinesfalls nur auf den spirituellen und rechtlichen
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