Sellner, Harald [VerfasserIn] ; Eberhard Karls Universität Tübingen [Grad-verleihende Institution] [Editor]
Klöster zwischen Krise und correctio: monastische "Reformen" im Hochmittelalterlichen Flandern — Klöster als Innovationslabore, Band 3: Tübingen, 2016

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2. Die correctio der Abtei ab 1111
Weder in der klostereigenen Historiographie von Anchin noch in den übrigen zeit-
genössischen Quellen wird an irgendeiner Stelle an eine correctio der Gemeinschaft
erinnert. Dennoch lassen sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts in dieser Gemein-
schaft Veränderungen greifen, die in der modernen Historiographie unter dem Be-
griff der »Reform« zusammengefasst werden.
2.1. 1110/1111: eine Zeit der Krise
Zu Beginn des 12. Jahrhunderts sollte die Gemeinschaft von Anchin in eine erste
Führungskrise geraten. 1102 wählten die Mönche von Anchin einen in ihrer Nähe
lebenden Inklusen namens Gelduin zu ihrem Abt.
Über Gelduin ist bekannt, dass er aus einer adligen Familie stammte und der
Bruder Arnulfs, des Kastellans von Hesdin, war.1716 Wohl um 1075 trat er in das
Kloster Saint-Vincent in Laon ein, wo er die Bekanntschaft Geralds von Corbie ge-
macht haben dürfte, dessen Spiritualität ihn vermutlich nachhaltig geprägt hatte.1717
1086 wurde er zum Abt von Saint-Michel in Thierache gewählt, gab jedoch schon
bald sein Amt auf, um sich 1090 in Anchin als reclusus niederzulassen.1718 Wieso
Gelduin Anchin als Ort auswählte, an dem er seine Spiritualität ausleben wollte, ist
nicht eindeutig zu erklären. Dass es der gute Ruf Aimerichs war, wie Gerzaguet
vermutet, oder das Fortbestehen einer eremitischen Tradition auf der Insel in der
Scarpe, ist ebenso denkbar, wie die Möglichkeit, dass ihn die familiären Bande in
die Region führten.1719
1716 Historia, S. 585: »Huius autem abbatis anno septimo monachus quidam nomine Gelduinus et frater
castellani ipsius civitatis, derelicto pastorali regimine, contemptoque abbatis honore, quo utebatur in
ecclesia beati Michaelis de Terascia, Aquicinum venit ibique reclusus efficitur ob amorem Patris caeles-
tis.«
1717 Dennoch gehörte Gelduin nicht zu jenen Gefährten Geralds, die ihn begleiteten, als er 1079 Laon
wegen der großen Missstände im Kloster verließ, um sich bei La Sauve-Majeure niederzulassen. Vgl.
dazu G. M. Oury, Gerald de Corbie, S. 306-314.
1718 Zur Datierung der Wahl in Saint-Michel vgl. J. P. Gerzaguet, L’abbaye d’Anchin, S. 76-79; zur Da-
tierung der Inklusion in Anchin vgl. die Annales, S. 503: »1090. domnus Gelduinus, noster quartus
abbas, in reclusionem intravit.« Ebenso das Auctarium, S. 394: »1090. Ea tempestate venit Aquicinctum
quidam monachus nomine Gelduinus, qui ex monacho Laudunensi abbas Sancti Michaelis de Terrascia,
relicta abbatia ob amorem Dei, reclusus efficitur Aquicincti.«
1719 Vgl. dazu J. P. Gerzaguet, L’abbaye d’Anchin, S. 77. Schenkt man der Historia, S. 586 Glauben, stammte
Gelduin aus der Gegend, war doch sein Bruder der Kastellan von Hesdin. Die Tatsache, dass Saint-
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