Metadaten

Raible, Wolfgang; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Heger, Klaus [Honoree]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1992, 2. Abhandlung): Junktion: eine Dimension der Sprache und ihre Realisierungsformen zwischen Aggregation und Integration ; vorgetragen am 4. Juli 1987 ; Klaus Heger zum 22.6.1992 — Heidelberg: Winter, 1992

DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.48166#0046
License: Free access  - all rights reserved

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
44

Wolfgang Raible

Insgesamt wird im Gaskognischen eine Entwicklung deutlich, die ihren
Ausgangspunkt wohl aus der Koaleszenz solcher Propositionen genom-
men hat, die einen Partizipanten gemeinsam haben. Mit dem Enunziativ
bestätigt der Sprecher dem Hörer, daß noch vom selben Thema die
Rede ist. Daraus ergeben sich sowohl die „modale“ Nuance wie auch die
Vordergrund-Hintergrund-Unterscheidung, also die Hervorhebung
kommunikativer Wichtigkeit. Im Zuge der Grammatikalisierung dieser
Erscheinung entsteht auf morphologischer Ebene eine Interferenz mit
den klitischen Personalpronomina des Zweit- und Dritt-Aktanten, die
für die romanischen Sprachen insgesamt charakteristisch sind (Enunzia-
tiv als Stütze enklitischer Pronomina) und, gewissermaßen als „Störfak-
tor“, eine Interferenz mit phonotaktischen Problemen (Null-Enunziativ
zur Vermeidung des Hiats statt e vor vokalisch anlautendem Verb im
Nebensatz). - Unten in Abschnitt 4.1.6 wird an einem größeren gaskog-
nischen Textbeispiel - einem Passus aus dem Lukas-Evangelium - deut-
lich werden, in welchem Maße die Enunziative im heutigen Sprachge-
brauch grammatikalisiert sind.
4.1.3 Serialisierung (Kilivila, Ewe Ewe)
Den bis jetzt beschriebenen Fällen von Koaleszenz zwischen sprachli-
chen Sachverhaltsdarstellungen ist gemeinsam, daß sie denselben Parti-
zipanten in der Rolle des Erst-Aktanten haben und daß aus dieser Ge-
meinsamkeit Konsequenzen gezogen werden: Die Angabe der Relation
zwischen der ersten und der zweiten Sachverhaltsdarstellung im Hopi,
die Bestätigung der Identität des Erst-Aktanten der zweiten Sachver-
haltsdarstellung mit dem der ersten im Gaskognischen. In beiden Fällen
folgt also aus der Identität von Partizipanten in aufeinanderfolgenden
Propositionen ein Mehraufwand durch Signalisierung einer zusätzlichen
Information31. Koaleszenz von Sachverhaltsdarstellungen durch ge-
meinsame Partizipanten eröffnet aber auch die Möglichkeit zu einem
„Minderaufwand“, also zu sprachlicher Ökonomie und damit zu stärke-
rer Integration. Wie eine solche stärkere Integration durch gemeinsame
31 Dieser Mehraufwand ist relativ häufig in den Sprachen, in denen die oben unter Ratz-
verkettung Γ beschriebene Technik der „switch reference“ zwischen Sachverhaltsdar-
stellungen verbreitet ist (Foley/van Valin 1984:340ff.). Der Mehraufwand wird z.T. frei-
lich häufig wieder ausgeglichen durch einen Minderaufwand, der auch bei der Serialisie-
rung eine große Rolle spielt: durch die Reduzierung der Finitheit des Verbs einer der
beteiligten Sachverhaltsdarstellungen.
 
Annotationen
© Heidelberger Akademie der Wissenschaften