Alföldy, Géza; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Pöschl, Viktor [Honoree]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 2. Abhandlung): Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike ; vorgetragen am 9. Dezember 1989 ; Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet — Heidelberg: Winter, 1990

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Das Schicksal des Obelisken

Galt der Vatikan-Obelisk in Alexandria seit dem Jahre 30 v. Chr. als
eines der bedeutendsten römischen Monumente dieser Stadt und wurde
er zu Beginn der Regierungszeit des Tiberius offensichtlich nochmals
feierlich eingeweiht, dann muß man sich fragen, weshalb er etwa zwei-
einhalb Jahrzehnte nach der erneuten Dedikation aus seinem archi-
tektonischen Kontext herausgerissen und sozusagen als Spolie nach
Rom gebracht wurde.202 Es ist gewiß nicht abwegig, zunächst an einen
reinen Willkürakt Caligulas zu denken, der nach dem Vorbild der Auf-
stellung eines Obelisken im Circus Maximus durch Augustus ein ähnli-
ches Monument in seinem neuen Zirkus errichten wollte und hierfür auf
einen Obelisken zurückgriff, der zwei einzigartige Vorteile bot: Zum
einen übertraf dieser Obelisk mit seiner Größe alle bisher nach Rom
gebrachten; zum anderen befand er sich an einer Stelle, von wo er ver-
hältnismäßig einfach nach Rom transportiert werden konnte, nämlich in
der Hafenstadt Alexandria und dort - anders als etwa der von M. Magius
Maximus seinerzeit aus dem Arsinoeion auf das Stadtforum hinüberge-
brachte Obelisk - ganz in der Nähe des Hafens.
Es gibt jedoch auch noch eine weitere Erklärungsmöglichkeit, und
zwar in Anlehnung an die Hypothese, daß der Vatikan-Obelisk in Alex-
andria als Gnomon einer monumentalen Sonnenuhr diente. Eine derar-
tige Sonnenuhr war außerordentlich empfindlich. Wenn es in Alexan-
dria seit 30 v. Chr. eine solche Uhr gab, dann ist durchaus denkbar, daß
sie zumindest gegen Ende der Regierungszeit des Tiberius nicht mehr
richtig funktionierte. Es empfiehlt sich, hier die Worte des Plinius über
das Schicksal des stadtrömischen Solarium Augusti anzuführen: „Die
Ablesung stimmt schon seit etwa 30 Jahren nicht mehr überein (= die
Uhr geht nicht mehr richtig), sei es .. . daß durch ein Erdbeben in der
Stadt im Bereich des Gnomon dieser in Mitleidenschaft gezogen oder
durch Überschwemmungen des Tiber ein Absinken der Masse verur-
sacht wurde“.203 Die Uhr ging also schon drei Jahrzehnte vor Abfassung
202 Vgl. H. Hänlein-Schäfer, Veneratio Augusti 212.
203 Plin., N. h. 36,73; Übersetzung nach E. Buchner, Röm. Mitt. 83, 1976, 323 = Sonnen-
uhr 11.
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