Alföldy, Géza; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Pöschl, Viktor [Honoree]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 2. Abhandlung): Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike ; vorgetragen am 9. Dezember 1989 ; Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet — Heidelberg: Winter, 1990

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Obelisk und Sonnenuhr

Möglicherweise können wir in der Bestimmung der Funktion und Be-
deutung des Gallus-Obelisken noch einen Schritt weitergehen. Wie
schon erwähnt, wurde dieser Obelisk bis zu seiner endgültigen Aufstel-
lung auf dem Petersplatz von einer vergoldeten bronzenen Kugel mit
einem ebenfalls vergoldeten Dorn darauf gekrönt (Taf. XI1 und XII1).
Die Parallele dazu ist die ehemalige Spitze des Montecitorio-Obelisken,
die heute ebenso wie die ursprüngliche Bedeckung des Vatikan-Obelis-
ken im Konservatorenpalast in der Sala dei bronzi aufbewahrt wird (Taf.
XI 2).1(1(1 Die Obelisken des Alten Ägypten trugen keine solche Bekrö-
nung. 1117 Die Funktion der Kugel mit dem Dorn auf der Spitze des Mon-
tecitorio-Obelisken konnte E. Buchner aufgrund eines Hinweises bei
Plinius und seiner Grabungsergebnisse auf dem Marsfeld definitiv erklä-
ren. Plinius schreibt: „Demjenigen (Obelisken), der auf dem Campus
(Martius) steht, fügte der vergöttlichte Augustus eine wunderbare Ver-
wendung hinzu, zur Erfassung der Schatten der Sonne und so der Grö-
ßen der Tage und Nächte, indem er Steine hinbreitete (= einen mit
Steinplatten belegten Platz schuf) entsprechend der Größe des Obelis-
ken, dem der Schatten am Tag der Vollendung der Wintersonnenwende
zur sechsten Stunde gleich werden sollte, und dieser (Schatten) sollte
allmählich über eingelegte Bronzelinien an den einzelnen Tagen (= Tag
für Tag) abnehmen und dann wieder zunehmen, eine bemerkenswerte
Sache, verdankt dem Genie des Mathematikers Novius Facundus. Die-
ser fügte der Spitze eine vergoldete Kugel hinzu, durch deren Scheitel
der Schatten auf sich selbst gesammelt werden sollte, da die Spitze sich
106 Zu den beiden Globen siehe H. Stuart Jones, Catalogue 171 Nr. 2-3; E. Simon, in:
Helbig4 II Nr. 1581 mit älterer Literatur; E. Buchner, Röm. Mitt. 83, 1976, 327. 330 -
Sonnenuhr 15. 18; zur Kugel des Montecitorio-Obelisken siehe auch dens., in: Kaiser
Augustus 244f. Nr. 110. Daß die im Mittelalter und in der Renaissance durch zahlrei-
che Einschüsse beschädigte, etwas größere Kugel zum Vatikan-Obelisken gehörte, war
immer bekannt; zur Zugehörigkeit der anderen Kugel zum Montecitorio-Obelisken
siehe schon A. W. Van Buren, RE XVII 2 (1937) 1709. 1711.
107 Zur Bekrönung altägyptischer Obelisken vgl. B. H. Stricker, Oud. Med. 34, 1953, 32ff.
Allerdings wurde schon die Spitze der altägyptischen Obelisken, d. h. das Pyramidion,
manchmal mit Gold bzw. mit Elektron bedeckt, vgl. E. Buchner, Röm. Mitt. 83,1976,
327 = Sonnenuhr 15 Anm. 22.
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