Alföldy, Géza; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Pöschl, Viktor [Honoree]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 2. Abhandlung): Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike ; vorgetragen am 9. Dezember 1989 ; Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet — Heidelberg: Winter, 1990

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Der Obelisk als Monument

Die Erkenntnis, daß das Forum lulium auf ein Konzept Kleopatras
zurückging, führt uns zu einer weiteren Frage, die in der Forschung im
Unterschied zu der endlosen Diskussion über das Forum lulium bisher
noch überhaupt nicht richtig gestellt wurde: Wann und warum wurde als
Träger der Bauinschrift einer monumentalen Platzanlage - im krassen
Gegensatz zu jeder römischen Tradition - ausgerechnet ein Obelisk be-
stimmt?
Wenn es richtig ist, daß die im Jahre 30 v. Chr. als Forum lulium
benannte neue Platzanlage Alexandrias in Wirklichkeit eine Schöpfung
Kleopatras war, dann trifft das auch für den Vatikan-Obelisken zu, des-
sen Aufstellung an seinem ägyptischen Standort bisher allgemein für ein
Werk des C. Cornelius Gallus gehalten wurde.94 95 Es ist nämlich undenk-
bar, daß der Obelisk erst während des kurzen Zeitraumes zwischen dem
Einmarsch der Sieger in Alexandria am 1. August und der Abreise Ok-
tavians aus Ägypten im Herbst des Jahres 30 v. Chr. in Oberägypten
hergestellt, nach Alexandria gebracht und dort auf dem für ihn vorgese-
henen Platz aufgerichtet wurde. Wir wissen genau, wie lange es sech-
zehn Jahrhunderte später unter Leitung von Domenico Fontana dau-
erte, diesen Obelisken von seinem früheren Standort südlich vom
Petersdom auf den Petersplatz zu transportieren und dort erneut aufzu-
richten: Die Versetzung des Obelisken wurde am 5. Oktober 1585 in
Auftrag gegeben; die feierliche Einweihung des neu aufgestellten
Monumentes erfolgte fast ein Jahr danach, am 26. September 1586.9?
Wir müssen davon ausgehen, daß der Obelisk - der, wie gezeigt, kein
altägyptisches Monument war, sondern offenbar am Ende der Ge-
schichte des unabhängigen Ägyptens eigens für ein Bauvorhaben herge-
stellt wurde (S.28ff.) - sich bei der Ankunft der Truppen Oktavians
94 Eine frühere Aufstellung in Alexandria vermutete bisher, soweit ich sehe, nur J.-P.
Boucher, Caius Cornelius Gallus 34f. Vgl. noch die - m. E. abwegige - Ansicht von A.
Roullet, Anm. 201.
95 Die Daten nach D. Fontana, Della trasportazione dell’obelisco vaticano, bei C.
D’Onofrio, Obelischi di Roma2 83ff. und E. Iversen, Obelisks in Exile 1 29ff. Hierzu
und zu weiteren Angaben über die Dauer des Transportes und der Aufrichtung von
Obelisken siehe E. Buchner, Röm. Mitt. 83, 1976, 359 = Sonnenuhr 49 mit Anm. 107.
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