Alföldy, Géza; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Editor]; Pöschl, Viktor [Honoree]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 2. Abhandlung): Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike ; vorgetragen am 9. Dezember 1989 ; Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet — Heidelberg: Winter, 1990

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Das Schicksal der Gallus-Inschrift

Je mehr sich der Gallus-Obelisk als ein besonders bedeutendes Monu-
ment erweist, desto merkwürdiger scheint sein Schicksal zu sein. Die
Inschrift des Gallus wurde durch eine andere ersetzt, und rund 70 Jahre
nach seiner Aufstellung in Ägypten kam der Obelisk sozusagen als Spo-
lie nach Rom. Die nächste Frage lautet: Wie und wann ging die Gallus-
Inschrift zugrunde?
Es ist unbestreitbar, daß dieser Text bereits in der frühen Kaiserzeit
durch die Widmung an Divus Augustus und Tiberius ersetzt wurde. Die
bis zu einer Tiefe von 1,5 cm zurückgesetzten Inschriftfelder wurden si-
cher erst für die sekundäre Inschrift eingetieft und geglättet, und die drei
Zeilen dieser zuletzt erwähnten Widmung wurden dann in beiden Fas-
sungen so angebracht, daß sie anstelle der vier Zeilen der Gallus-In-
schrift zu lesen waren. Die Zerstörung der Gallus-Inschrift und ihre Er-
setzung durch einen späteren Text erklärten einzelne Forscher durch die
Annahme, daß die Inschrift des Präfekten nach seinem Selbstmord ge-
waltsam vernichtet wurde, da Gallus als Staatsfeind galt, dessen Name
aus den offiziellen Dokumenten verschwinden mußte.179 Andere Ge-
lehrte haben dieser Vermutung widersprochen, allerdings ohne eine
plausible eigene Erklärung für das Schicksal des ursprünglichen Wid-
mungstextes geliefert zu haben.180 Noch weniger aufschlußreich ist die
Feststellung, daß die Inschrift des Gallus „more or less erased“ sei.181
C. Cornelius Gallus wurde allem Anschein nach 27 v. Chr. wegen
seines Hochmutes und seiner Arroganz als Vizekönig Ägyptens abge-
löst; als der Senat sein Vermögen einzog und ihn verbannte, beging er-
27 oder 26 v. Chr. - Selbstmord.182 Gegen die Vorstellung, daß er da-
179 Siehe bes. E. Iversen, Journ. of Egypt. Arch. 51, 1965, 149; dens., Obelisks in Exile I
20; H. Hänlein-Schäfer, Veneratio Augusti 214f. Eine „damnatio memoriae“ des Gal-
lus nahmen auch weitere Forscher an, siehe die Literatur bei J.-P. Boucher, Caius
Cornelius Gallus 56 mit Anm. 16-17.
180 H. Volkmann, Gymnasium 74, 1967, 504ff.; J.-P. Boucher, Caius Cornelius Gallus
56f.; C. Salvaterra, Aegyptus 67, 1987, 178f.; W. Eisenhut, in: Festschrift Robert Wer-
ner 117 ff.
181 A. Roullet, Egyptian and Egyptianizing Monuments 68.
182 Nach Hier., Chron. (ed. R. Helm) p. 164 ist das Datum das Jahr 27, nach Dio 53,23,6f.
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