Alföldy, Géza; Heidelberger Akademie der Wissenschaften / Philosophisch-Historische Klasse [Hrsg.]; Pöschl, Viktor [Gefeierte Pers.]
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse (1990, 2. Abhandlung): Der Obelisk auf dem Petersplatz in Rom: ein historisches Monument der Antike ; vorgetragen am 9. Dezember 1989 ; Viktor Pöschl zum 80. Geburtstag gewidmet — Heidelberg: Winter, 1990

Seite: 28
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Ein altägyptischer oder ein neuer Obelisk?

In Kenntnis des Dedikanten und der annähernden Entstehungszeit
der Widmungsinschrift stellt sich zunächst die Frage, ob der Obelisk, auf
dem C. Cornelius Gallus seinen Dedikationstext anbringen ließ, ein wie-
derverwendetes Monument aus dem pharaonischen Ägypten, genauer
aus dem Mittleren Reich, war oder erst zur Zeit des Gallus angefertigt
wurde. Dieses Problem ergibt sich aufgrund differierender Lesungen
einer Passage in der Naturalis historia des Plinius, genauer am Ende des
Traktates über die Obelisken, im Anschluß an die Beschreibung der
beiden frühesten Obelisken Roms im Circus Maximus und auf dem
Marsfeld (36,74). Für diese Textstelle gibt es drei Lesarten:
1. In den maßgebenden Editionen der Naturalis historia-wie in den-
jenigen von D. Detlefsen und C. Mayhoff-lautet die fragliche Stelle wie
folgt: Tertius (sc. obeliscus) est Romae in Vaticano Gai et Neronis princi-
pum circo - ex omnibus unus omnino fractus est in molitione -, quem
fecerat Sesosidis filius Nencoreus. Der Sinn ist, daß der Vatikan-Obelisk
der einzige Obelisk sei, der bei der Aufrichtung zerbrach, und daß der
Pharao Nebkaure Amenemhet II. (1929-1985 v. Chr.), der Sohn des
Sesostris (Senwostret) L, ihn herstellen ließ.35
2. Sowohl ältere als auch jüngere Editoren und Interpreten der Na-
turalis historia folgen einer anderen Lesart: Tertius est Romae in Vati-
cano Gai et Neronis principum circo, ex omnibus unus omnino factus est
in imitatione eius, quem fecerat Sesosidis filius Nencoreus. Demnach sei
der Vatikan-Obelisk der einzige Obelisk, der nach dem Vorbild jenes
’ Zur angeführten Lesung siehe die Ausgabe von D. Detlefsen (Berlin 1883) V 168, C.
Mayhoff (Nachdruck Stuttgart 1967) V 333, D.E. Eichholz (Nachdruck Cambridge/
Mass. - London 1971) 58 und J. Andre (Paris 1981) XXXVI 75; siehe auch E. Hart-
mann, Gymnasium 72,1965, 7ff. und C. D’Onofrio, Obelischi di Roma255ff. Aufgrund
der Kombination dieser Lesungsvariante mit der Überlieferung, daß der Vater des
Amenemhet II., Sesostris I. (1971-1927), in Heliopolis im Atun-Tempel ein Obelisken-
paar hatte aufstellen lassen, erschlossen die meisten älteren Forscher, daß der Vatikan-
Obelisk unter Caligula aus Heliopolis nach Rom gebracht worden war. Vgl. hierzu etwa
J.P.VD. Balsdon, The Emperor Gaius 176; A.W. Van Buren, RE XVII 2 (1937)
1711; aus der späteren Literatur vgl. E. Hartmann, a.a.O. 6; S. Mazzarino, Quaderni
Catanesi 3, 1980, 8f. Anm. 3; J.H. Humphrey, Roman Circuses 549; G. Walser, Die
Einsiedler Inschriftensammlung 85.
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