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Innovationen durch Deuten und Gestalten: Klöster im Mittelalter zwischen Jenseits und Welt — Klöster als Innovationslabore, Band 1: Regensburg: Schnell + Steiner, 2014

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Köpf, Ulrich: Annäherung an Gott im Kloster
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https://doi.org/10.11588/diglit.31468#0064
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Annäherung an Gott im Kloster
Ulrich Köpf
Annäherung an Gott als religiöses Grundgeschehen
Annäherung an Gott (in einer zunächst sehr weit verstandenen Bedeutung) bildet ein
wesentliches Ziel aller theistischen Religionen. Unterschiedlich sind freilich die Mittel
und Wege, um dieses Ziel zu erreichen. Auch das Christentum hat sich ihm verschrieben,
wobei man fragen kann, wie weit es damit tatsächlich der Verkündigung
Jesu entsprochen hat. Das christliche Ideal des Umgangs mit Gott wurde nämlich
schon früh vom Platonismus geformt. Auf dem Boden des griechischen Polytheismus
hatte Platon mit seiner in einem Monotheismus des Einen und Guten gipfelnden
Ontologie erstmals den Gedanken der ὁμοίωσις θεῷ (»Verähnlichung mit Gott« oder
»Angleichung an Gott«) formuliert. Im Theaitetos lässt er Sokrates von der Realität
des Bösen unter den Bedingungen der Sterblichkeit sprechen. Da man in diesem Leben
das Böse nicht vermeiden könne, müsse man danach trachten, aus der irdischen
in die transzendente Welt zu fliehen. Solche Flucht aber sei eine Verähnlichung mit
Gott, und sie bestehe konkret darin, mit Einsicht gerecht und fromm zu werden.
Platon ist freilich weit davon entfernt, eine Einswerdung des Menschen mit Gott
anzustreben. Bezeichnenderweise spricht er von einer ὁμοίωσις θεῷ κατὰ τὸ δυνατόν,
einer »Verähnlichung mit Gott, so weit das möglich ist«. ¹ Diese Einschränkung ist
in der weiteren Geschichte des Platonismus weggefallen. Plotin, der Erneuerer der
platonischen Tradition im 3. Jahrhundert, der mit seinem Denken die Annäherung
an den einen, jenseitigen Gott und die Vereinigung mit ihm (ἑνωθῆναι) anstrebte, soll
dieses Ziel nach dem Bericht seines Schülers Porphyrios in den sechs Jahren, in denen
er mit ihm zusammen war, wohl viermal erreicht haben, während der Biograph bekennt,
nur einmal selbst dem Gott nahegekommen zu sein und sich mit ihm vereint
zu haben. ²
1 Platon, Theaitetos 176b, in: Platonis opera, hg. von John Burnet, Bd. 1, Oxford 1956.
2 Porphyrios, Vita Plotini, in: Plotins Schriften, hg. von Richard Harder, Bd. 5c: Anhang. Porphyrios,
 
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