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Bucer, Martin; Stupperich, Robert [Hrsg.]; Neuser, Wilhelm H. [Hrsg.]; Seebaß, Gottfried [Hrsg.]; Strohm, Christoph [Hrsg.]
Martin Bucers Deutsche Schriften (Band 17): Die letzten Strassburger Jahre: 1546 - 1549 — Gütersloh, 1981

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https://doi.org/10.11588/diglit.30258#0160
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i56

DIE LETZTEN STRASSBURGER JAHRE 1546-1549

Dokument 1
Von der Kirchen mengel vnnd fähl
(6. Januar 1546)
Nach der Niederwerfung Franz I. hatte Karl V. die Hände frei für die lange beabsich-
tigte Neuregelung der innerdeutschen Verhältnisse. Es ging ihm um die Überwindung
der Religionsspaltung. Durch die Verhandlungen auf dem Reichstag zu Worms im März
154 5 konnte er die Protestanten zunächst noch hinhalten, doch betrieb er insgeheim die
Vorbereitungen für einen Krieg gegen sie. Die wachsende Spannung zwischen dem
Kaiser und den protestantischen Reichsständen bedeutete für Straßburg und seine
Kirche eine unmittelbare Bedrohung. Der kaiserliche Zorn galt nach dem gescheiterten
Versuch des Kurfürsten Hermann von Wied, mit Hilfe Bucers sein Erzstift Köln zu
reformieren, den oberdeutschen Städten und ihren Theologen in besonderer Weise. Der
Schmalkaldische Bund war angesichts der verschiedenartigen Interessen der protestanti-
schen Fürsten in sich schwach. Würde es zu einer kriegerischen Auseinandersetzung
zwischen Kaiser und Bund kommen, so war Straßburg aus vielen Gründen, nicht zu-
letzt wegen seiner geographischen Lage, sehr gefährdet. Und was würde bei unglück-
lichem Ausgang eines Krieges das Schicksal der Kirche Bucers und Hedios sein?
Die Straßburger Prediger waren sich darin einig, daß der kirchliche Neuanfang in der
Reformation der Lehre und der Abschaffung der alten »Mißbräuche« stecken geblieben
war. Wo waren die lebendigen Gemeinden, von denen die Schrift so überzeugend be-
richtete? Wo waren Früchte des Glaubens, das neue Leben der Gerechtfertigten, zu
sehen? Schon 1530 hatte Bucer in seiner Schrift >Enarrationes perpetuae in sacra quat-
tuor evangelia< anhand von Mt 18 das Bild einer verbindlichen Zucht- und Gemeinde-
ordnung gezeichnet und einen Aufbau des Gemeindelebens nach diesem Bilde gefor-
dert. War nicht jetzt, am Ende des Jahres 1545, die Stunde dazu gekommen? Wollte
man für eine letzte Glaubensprüfung gerüstet sein, das war die Überzeugung der Straß-
burger Prediger, so tat eine »zweite Reformation«, die des Lebens nach der der Lehre,
not. Ein Bekenntnisakt, eine »Protestation«, sollte zur Bildung von Kerngemeinden und
damit zur Erneuerung der ganzen Kirche führen. Nur dann werde man hoffen können,
daß Gott über Kirche und Stadt Gnade statt Recht ergehen lassen und seinen Zorn
abwenden werde.
Bucers Sicht der Kirche ist von den Elementen Gemeinschaft und Liebe bestimmt.
Das Leben der Kirche gründet auf einer zweifachen Gemeinschaft, auf der mit ihrem
Herrn Jesus Christus und auf der ihrer Glieder untereinander. Das Wesen dieser Ge-
meinschaft ist die wechselseitige Liebe zwischen Christus und der Gemeinde und zwi-
schen ihren Gliedern untereinander. Diese Gemeinschaft der Gläubigen muß in der
Welt und für die Welt sichtbar werden. Der Gedanke ist genuin reformatorisch: Schon
15 z6 hatte ihn Luther in der Vorrede zur Deutschen Messe als auch Franz Lambert von
Avignon in der Reformatio ecclesiarum Hassiae vertreten. Nun wird, zwei Jahrzehnte
danach, für die Straßburger Prediger die Verwirklichung eines biblischen Gemeindeauf-
baus zur Existenzfrage der Kirche.
Ein zweiter Gedanke pragmatischer Vernunft tritt hinzu. In den beiden führenden
Köpfen der Stadt und der Kirche, in Jakob Sturm und Martin Bucer, stehen sich politi-
 
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