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Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]
Jahrbuch ... / Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Jahrbuch 2000 — 2001

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22. Juli 2000

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5. Herr Andreas Höfele (Heidelberg) hält seine Antrittsrede.
Herr Präsident, meine Damen und Herren,
meine Geburtsstadt Bad Kreuznach an der Nahe nimmt, wie so viele andere Orte
auch, für sich in Anspruch, den legendären Doktor Faust beherbergt zu haben. Daß
dieser apokryphe genius loci mich unweigerlich zum faustischen Verfolg der Erkennt-
nis und also zur Wissenschaft gedrängt hätte, kann ich jedoch nicht behaupten.
Hinsichtlich der Teleologie meines Werdegangs bin ich Skeptiker. Ich glaube nicht,
daß es so kommen mußte. Ja, es fällt mir sogar schwer, mich dem Fazit anzuschließen,
das Kafka seinen akademischen Menschenaffen am Ende seines „Berichts an eine Aka-
demie“ ziehen läßt: „Im ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte.“
Wenn vom Wollen die Rede ist, dann muß ich sagen: Ich wollte immer gerne Schrift-
steller werden, der Professor schwebte mir nicht vor, er war eher Zugeständnis an das
Realitätsprinzip oder auch das, was man im Englischen einen „acquired taste“ nennt;
etwas, an dessen Geschmack man sich erst - und vielleicht sogar mit einiger Überwin-
dung - gewöhnen muß. Es fällt mir bis heute sehr viel leichter, prägende literarische
Eindrücke und Enthusiasmen zu benennen als literaturwissenschaftliche. Hemingway
etwa, den ich mit fünfzehn-sechzehn Jahren verschlang, und der mir in seiner Person
und in seinen lakonisch-nüchternen, aber gleichwohl unterschwellig hochromanti-
schen Geschichten eine ersehnenswerte Lebensutopie vorgaukelte. Oder etwas später
dann - Hemingway war schon wieder abgeklungen - Kafka und Beckett und schließ-
lich, Anfang zwanzig, Thomas Bernhard. Dessen frühe Prosa griff so sehr auf meine
eigenen Schreibversuche über, daß die Rezension meines Romanerstlings in der FAZ
die ebenso vernichtende wie zutreffende Überschrift trug: Die „Bernhardiner-Rasse“.
Doch zunächst noch einmal zurück an den Anfang. Geboren wurde ich, wie mir
immer wieder erzählt worden ist, just an dem Septembertag des Jahres 1950, als Bun-
despräsident Heuß die Stadt besuchte. Womöglich habe ich deshalb als Kind Heuß
und den Gott Zeus lange für ein und dasselbe Wesen gehalten. Daran, daß ich von dem
Griechengott überhaupt so früh schon gehört hatte, sieht man, ich wuchs in einem
Akademikerhaushalt auf - der Vater Gymnasiallehrer, die Mutter, wiewohl ebenfalls
promovierte Historikerin, nicht mehr berufstätig -, wohlversorgt mit Schwabs Sagen
des klassischen Altertums, mit Blockflötenunterricht, der später in Querflötenunter-
richt überging und mit langgezogenen Ausflugsfahrten ins Fränkische, Bayerische und
Österreichische, bei denen keine Barockkirche ausgelassen wurde, zuweilen aber gott-
lob auch eine Burg besichtigt werden durfte: die mochte ich lieber. Der erste Berufs-
wunsch, an den ich mich erinnern kann, war Museumsdirektor: wobei ich mir unter
Museum eine Sammlung von Ritterrüstungen und Schwertern vorstellte.
Ende der fünfziger Jahre wurde nach Mainz umgezogen. Dort besuchte ich das
humanistische Gymnasium. Doch war es der wahlfreie Englischunterricht der Ober-
stufe, der wohl den Grundstein zu meinem Anglistikstudium legte. Zuletzt nur mehr
zu dritt, hatten wir einen ausgezeichneten Lehrer - so ausgezeichnet, daß die Univer-
sität mich anfangs etwas enttäuschte.
Irgendwann in den späteren sechziger Jahren erschien in der ZEIT ein Artikel, in
dem behauptet wurde, es lohne sich kaum, in Deutschland Anglistik zu studieren, und
wenn, dann allenfalls an zwei Orten: Frankfurt oder München. Frankfurt lag in der
Nähe, also begann ich dort Anglistik, Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren.
Später kam anstelle der Kunstgeschichte die Theaterwissenschaft hinzu. Es war das
 
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