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Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]
Jahrbuch ... / Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Jahrbuch 2019 — 2020

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D. Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses
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II. Das WIN-Kolleg
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Siebter Forschungsschwerpunkt „Wie entscheiden Kollektive?“
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11. Heiligenleben: Erzählte Heiligkeit zwischen Individualentscheidung und kollektiver Anerkennung
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https://doi.org/10.11588/diglit.55176#0385
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D. Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses

Siebter Forschungsschwerpunkt
„Wie entscheiden Kollektive?"
71. Heiligenleben: Erzählte Heiligkeit zwischen Individual-
entscheidung und kollektiver Anerkennung
Kollegiaten: Dr. Daniela Blum1'4, Prof Dr. Nicolas Detering2, Dr. Marie
Gunreben3, Dr. Beatrice von Lüpke1
1 Eberhard Karls Universität Tübingen
2 Universität Bern
3 Universität Konstanz
4 Diözesanmuseum Rottenburg
Heiligkeit wird bisweilen als eine dem menschlichen Zugriff enthobene, trans-
zendent bewirkte Qualität verstanden, die sich metahistorisch und transkulturell
definieren lässt. Die Behauptung von Heiligkeit bedarf aber der narrativen Plau-
sibilisierung, wenn nicht sogar der gemeinschaftlichen Anerkennung. Heiligkeit
steht damit am Ende eines diskursiven Prozesses, der den historisch spezifischen
Usancen legendarischen Erzählens verhaftet ist. Damit verbinden sich vor allem
zwei Spannungsfelder.
Auf der Ebene legendarischer Einzelerzählungen stehen die Willensfreiheit
der Heiligen und ihre providentielle Steuerung in einem Spannungsverhältnis:
Einerseits setzt Heiligkeit als Auszeichnung eines moralisch vorbildlichen Le-
benswegs die Entscheidungsfreiheit der dargestellten Person für das Gute oder
das Böse voraus. Andererseits trägt die erzählerische Darstellung aber auch der
Tatsache Rechnung, dass das Individuum in seinen Entscheidungen abhängig von
einer transzendenten, vorhersehenden Macht ist, über deren Eingreifen prinzipiell
nicht verfügt werden kann.
Im Diskurs über Heiligkeit steht die behauptete Erwähltheit zudem in Span-
nung zur Notwendigkeit kollektiver Anerkennung. Obwohl der oder die einzelne
Heilige und seine oder ihre Taten unnachahmlich sind, dienen Narrationen als
literarisch vorgeformte Entwürfe der Orientierung in gattungspoetischer wie ethi-
scher Hinsicht. Sie erheben ein bestimmtes Handeln zur Norm und ermöglichen
dadurch allererst die Entstehung und Ausbildung von Verehrerkollektiven.
Das Projekt beruht auf der Konvergenz der einzelnen Habilitationsschrif-
ten und Forschungsprojekte zu hagiographischen Schriften des Mittelalters, des
19. Jahrhunderts und der Gegenwartsliteratur, denen wir mit je verschiedenem
Akzent und disziplinärem Zuschnitt nachgehen. Im Rahmen der Forschergruppe
werden Fragen behandelt, die den Horizont der eigenen Arbeit interdisziplinär
erweitern. Zugleich soll unser Projekt dazu beitragen, die Problemstellung des

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