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Heidelberger Akademie der Wissenschaften [Hrsg.]
Jahrbuch ... / Heidelberger Akademie der Wissenschaften: Jahrbuch 2011 — 2012

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I. Das Geschäftsjahr 2011
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Wissenschaftliche Sitzungen
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Sitzung der Phil.-hist. Klasse am 15. April 2011
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Schäfer, Thomas: Pantelleria: 10 Jahre Forschungen in einer antiken Stadt
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https://doi.org/10.11588/diglit.55657#0057
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76

SITZUNGEN

Die bisherigen Ergebnisse und die laufenden Untersuchungen im Areal des
Heiligtums auf dem Akropolisplateau, der gut erhaltenen Wohnbebauung der nord-
westlichen und südwestlichen Abhänge, des Forums und der Nekropolen fugen sich
inzwischen zu einem Gesamtbild der punischen bzw. römischen Stadt. Der Survey,
die Grabungsergebnisse und Auswertungen der bisher erfassten Funddaten haben
gezeigt, dass die Insel bereits im späten 8. oder spätestens im frühen 7. Jh. v. Chr. für
Karthago zumindest als militärischer Posten von besonderer Bedeutung war und spä-
ter zu einer karthagischen ‘Kolonie’-Stadt ausgebaut wurde.
Das Besondere an dem Projekt ist, dass hier eine punische Kleinstadt vor der
Haustür Karthagos als geschlossener Siedlungskontext mit Heiligtum, Befestigungs-
anlagen und Wohnbauten bis hin zu öffentlichen Gebäuden und Nekropolen ohne
Überbauung zur Erforschung bereitsteht. Die Materialgrundlage im Gelände wie in
den Befunden ist überaus reich und erlaubt, übergreifende Fragestellungen aus dem
Bereich der Kulturkontakte bzw. des Kulturtransfers nachzugehen. Wesentlich dafür
sind die Importe von Keramik aus dem östlichen Mittelmeer über Malta und Kart-
hago bis hin nach Spanien. Die reiche Präsenz der einheimischen „Pantellerian-
Ware“, die seit hellenistischer Zeit bis in die Spätantike in das gesamte westliche Mit-
telmeer exportiert wurde, erschließt wissenschaftliches Neuland.
Von paradigmatischer Bedeutung ist die Transformation der Stadt und ihrer
Gebäude im Spannungsfeld der karthagisch-römischen Auseinandersetzungen im
3.—2. Jh. v. Chr. sowie nach ihrer Integration in die römische Provinz Sizilien. Durch
eine Temenosmauer werden Sakral- und Wohnbereich von einander abgegrenzt, der
Hauptkult auf der Hügelkuppe dürfte nach Funden von Fragmenten des Tempel-
giebels dem Melqart-Hercules gegolten haben.
Wegen der exponierten Lage der Insel war Cossura offenbar auch Opfer von
Überfällen von Seeräubern, die seit den 70er Jahren des 1. Jhs. v. Chr. stark zuge-
nommen hatten: davon zeugt die Vergrabung eines Münzschatzes von 107 Denaren
aus den Jahren zwischen 96 und 74 v. Chr. Eine wichtige Transformation erfuhr die
Stadt während der Bürgerkriege. Sextus Pompeius ließ Cossura zwischen 39 und 36
v. Chr. ebenso wie Lipara und Lilybaeum stark befestigen, um eine Einnahme der
Insel durch M. Aemilius Lepidus oder Octavianus zu verhindern. Im Falle von Cos-
sura war außer der gewaltigen Befestigungsanlage die Einrichtung von großvolumi-
gen Wasserreservoirs wegen des Mangels an Quellen eine dringend notwendige Ver-
teidigungsmaßnahme. Die zahlreichen Zisternen und ihr hydraulischer Verputz sind
Gegenstand eines Forschungsprojekts zu den antiken Wasserspeichern im zentralen
Mittelmeer2.

2 Förderschwerpunkt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung mit dem Titel: „Wech-
selwirkungen zwischen Natur- und Geisteswissenschaften: Technologietransfer in der Antike —
Untersuchungen antiker hydraulischer Mörtel mit analytischen und numerischen Methoden aus
der modernen Baustoffforschung“ (unter Leitung von A. Gerdes, Hochschule Karlsruhe/For-
schungszentrum Karlsruhe und Th. Schäfer, Universität Tübingen durchgeführt von Frerich
Schön und Jens Heinrichs).
 
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